Stellen Sie sich vor, Sie könnten in jedem Moment mit kristallklarer Sicherheit wissen: Ist dieser Impuls, dieser Drang, diese Unruhe in mir eine echte Botschaft meines Wesens – oder nur das Echo alter Verletzungen?
Diese Frage berührt etwas zutiefst Menschliches. Wir alle kennen diese Momente der Verwirrung:
Da spüren Sie eine innere Unruhe, einen Druck, etwas zu tun – mehr zu arbeiten, zu konsumieren, sich zu beweisen. Aber gleichzeitig fühlt es sich seltsam leer an, als würden Sie einem fremden Rhythmus folgen.
Und dann gibt es diese anderen Momente: Wenn Sie in einer Tätigkeit völlig aufgehen, Zeit und Raum vergessen, und alles fließt. Es fühlt sich an, als würden Sie aus der Tiefe Ihres Wesens handeln.
Was, wenn dieser Unterschied nicht nur ein Gefühl wäre, sondern eine biologische Grundlage hätte?
Unser Körper vergisst nichts
Unser Nervensystem ist ein lebendiges Archiv. Seit unserer Geburt – ja, sogar davor – speichern wir Erfahrungen in einem impliziten Körpergedächtnis. Das sind keine bewussten Erinnerungen, sondern Spannungsmuster in unseren Muskeln, Atemrestriktionen, emotionale Reaktionsbereitschaften.
Der Körper führt Buch über alles, was ihm widerfahren ist. Hunderte, tausende Situationen, in denen wir als Kinder nicht angemessen reagieren konnten – wo wir eingeklemmt waren, überfordert, allein gelassen. Unser System mobilisierte Energie für Kampf oder Flucht, aber wir konnten sie nicht entladen. Diese Energie blieb "eingefroren" – wie ein unvollendeter Kreislauf.
Heute, als Erwachsene, werden diese alten Muster getriggert. Wir reagieren auf Situationen, die objektiv keine Gefahr darstellen, als wären sie existenzielle Bedrohungen. Und wir verstehen nicht, warum.
Die zwei Arten des Strebens
Hier wird eine Unterscheidung wichtig, die alles verändern kann:
Conatus – das ist Spinozas Begriff für das fundamentale Streben jedes Lebewesens, sein Wesen zu bewahren und zu entfalten. Es ist warm, lebendig, expansiv. Wenn Sie aus purem Interesse lernen, aus Freude am Wachsen, aus der Fülle des Seins heraus handeln – das ist Conatus.
Reaktive Begierde – das ist das zwanghafte Verlangen, einen Mangel zu füllen. Es ist kalt, mechanisch, kontrahierend. Wenn Sie etwas tun, um zu beweisen, dass Sie gut genug sind, um Ablehnung zu vermeiden, um eine innere Leere zu füllen – das ist reaktive Begierde.
Der Buddha nannte dies Tanha – den "Durst", der niemals gestillt werden kann.
Wo im Gehirn Freiheit entsteht
Die faszinierende Erkenntnis: Unser Gehirn hat ein spezifisches "Unterscheidungsorgan". Ein funktionelles Dreieck im präfrontalen Cortex – zwischen den seitlichen Stirnregionen und dem Bereich zwischen den Augenbrauen.
In der Yogatradition wird dieser Bereich als Ajna-Chakra bezeichnet, das "dritte Auge" – das Zentrum der Weisheit und Unterscheidungskraft.
Neurowissenschaftlich entspricht dies genau den Regionen, die uns befähigen:
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Impulse zu hemmen
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Zwischen Optionen abzuwägen
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Unsere inneren Zustände zu beobachten
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Bewusste Entscheidungen zu treffen
Wenn dieses präfrontale Dreieck aktiv ist, können wir den Raum zwischen Reiz und Reaktion nutzen. Wir müssen nicht automatisch reagieren. Wir können wählen.
Der Weg zurück zu uns selbst
Die gute Nachricht: Diese Unterscheidungsfähigkeit kann trainiert werden. Jedes Mal, wenn wir:
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Einen konditionierten Impuls bemerken, ohne ihm zu folgen
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Eine emotionale Reaktion bezeugen, ohne uns mit ihr zu identifizieren
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Aus innerer Fülle statt äußerem Druck handeln
...stärken wir genau diese neuronalen Netzwerke.
Es ist, als würden wir einen Muskel trainieren, den wir lange vernachlässigt haben. Zuerst ist es anstrengend. Aber mit jeder bewussten Unterscheidung wird es leichter.
Eine Landkarte für die innere Freiheit
Im Essay "Das neurobiologische Unterscheidungsorgan" entfaltet Dr. Fritz Helmut Hemmerich diese Gedanken zu einer umfassenden Landkarte. Er verbindet uraltes Weisheitswissen mit modernster Neurowissenschaft und zeigt: Die Werkzeuge zur Befreiung sind uns gegeben – sowohl als evolutionäres Erbe in unserem Gehirn als auch als kulturelles Erbe in kontemplativen Traditionen.
Die Lektüre kann Ihnen helfen zu verstehen, warum bestimmte Praktiken wirken. Warum Meditation nicht nur Entspannung ist, sondern neuronale Reorganisation. Warum Körperarbeit nicht nur Wohlbefinden bringt, sondern eingefrorene Energien auflöst.
Wenn Sie neugierig geworden sind und tiefer in dieses Thema einsteigen möchten, finden Sie den vollständigen Essay hier: https://psp.sendowl.com/s/once/essay-die-stille-revolution-in-unserem-gehirn-by-inceptionfield
Die Würde der Wahl
In einer Welt, die zunehmend versucht, unsere Aufmerksamkeit zu kapern und unsere Impulse zu manipulieren, wird diese Unterscheidungsfähigkeit zu einer Frage der menschlichen Würde.
Es geht nicht darum, nie mehr unangenehme Gefühle zu haben. Es geht darum, inmitten aller inneren und äußeren Bewegungen einen klaren Bezugspunkt zu haben: Unser wahres Wesen, das sich entfalten will.
Das ist die eigentliche Bedeutung des "erwachten" dritten Auges: nicht mystische Visionen, sondern die nüchterne, klare Fähigkeit, in jedem Moment zu unterscheiden zwischen dem, was aus Ihrem wahren Wesen entspringt – und dem, was nur konditionierte Reaktion ist.
In dieser Unterscheidung liegt Ihre Freiheit.