Der Weg von Dr. Fritz Helmut Hemmerich zu Friðhu

Dr. Fritz Helmut Hemmerich, MD PhD
Arzt, Philosoph & Salutogenese-Spezialist

Willkommen auf meiner Webseite,

Willkommen in meinem Leben,

Willkommen in meiner Biografie :)

Es gibt auf dieser Seite 2 Biografie-Blickwinkel

  1. Friðhu schreibt seine eigene Biografie
  2. Der Blogger bloggt seine kleine Friðhu Biografie

Wir beginnen mit Teil 1:

 


 

~~~ Erster Teil ~~~

 


 

Friðhu schreibt seine eigene Biografie

 



Friðhu – Eine Darstellung

Prolog: Der Friedensbringer

Der Name kam zuerst. Lange bevor es eine Marke gab, bevor irgendjemand von Branding sprach, war da ein Dreizehnjähriger in Deutschland, der plötzlich wusste: Ich bin dazu da, Frieden zu stiften.

Es war keine bescheidene Erkenntnis. Es war, wie er selbst sagt, „gigantomanisch sich selbst überschätzend” – die Vision eines Kindes, das glaubte, mit telepathischen Kräften die Menschen in Kriegen und Familienauseinandersetzungen zum Frieden führen zu können. Heute, mehr als fünfzig Jahre später, ist er bescheidener geworden. „Ich bin ganz froh, wenn ich mal ein Paar dazu bekomme, das sich ständig beklagt, dass sie mal einen friedlichen Abend haben.”

Aber der Kern ist geblieben. Der Name Fridhu – isländisch, abgeleitet von derselben Wurzel wie Friedrich, der Friedensreiche – beschreibt nicht einen Zustand, sondern eine Ausrichtung. Friður ist der Friede. Fridhu ist der, der dem Frieden dient. Nicht ich bin der Friede, sondern dem Frieden.

Das ist die erste Unterscheidung, die man über diesen Menschen verstehen muss: Er definiert sich nicht über das, was er ist, sondern über das, dem er dient.

 


 

I. Das Kind, das zu viel war

Fritz Helmut Hemmerich (geb. Becker) wurde 1954 geboren. Das Kind, das aus diesem Datum hervorging, war von Anfang an unbequem.

„Ich war ein unglaublich neugieriges, unglaublich vielredendes, unglaublich anstrengendes Kind für alle Beteiligten, weil ich mit meinen Warum-Fragen alle genervt habe.”

Dieses Kind war zerrissen zwischen Gegensätzen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Auf der einen Seite: rehäugig, scheu, fast schüchtern, ausgestattet mit einer Fähigkeit zur Beobachtung nonverbaler Vorgänge zwischen Menschen, die ihm selbst unheimlich war. „Ich konnte sehr gut beobachten, was zwischen den Menschen abläuft.” Bis etwa zum neunten Lebensjahr, so erinnert er sich, war er „ziemlich hellsichtig” – eine Eigenschaft, die seine Mutter erschreckte und die sich dann verschloss, um später auf andere, dunklere Weise wiederzukehren.

Auf der anderen Seite: ein Jaguar. Ein Draufgänger, der sich nicht nur an Mitschülern vergriff, sondern „immer noch an denen einer Klasse drüber oder zwei Klassen drüber”, um auszuprobieren, „ob man die auch noch niederringen kann”. Das Ganze allerdings in einem, wie er sagt, „ritterlichen Ton” – wenn der andere sagte „Ich ergebe mich”, wurde er sofort in Ruhe gelassen.

Das war der Junge bis zum zwölften Lebensjahr. „Danach wurde alles anders.”

Der Bruch mit dreizehn

Was mit dreizehn geschah, war keine Pubertät im gewöhnlichen Sinn. Es war ein Zusammenbruch.

An seinem dreizehnten Geburtstag „brach wie von nichts heraus” seine Angst-Panik-Erkrankung durch. In denselben Zeitraum fiel der Tod seines geliebten Großvaters, den er aus nächster Nähe miterlebte. Der alte Mann starb zuhause, und der Junge war da, beobachtete, verstand nicht.

„Es war klar, dass er als Körper tot war, dass da aber auch noch eine Anwesenheit war, die nicht individuell oder persönlich ist. Also nicht so eine Kindergartenvorstellung wie eine menschliche Seele, die reinkarniert oder andere unsinnige Geschichten.”

Was der dreizehnjährige Fritz dort erlebte, sollte zur zentralen philosophischen Frage seines Lebens werden: Was ist diese Seinsform, „die nicht stirbt und nie geboren wurde”?

Das Nahtoderlebnis mit fünfzehn

Zwei Jahre später kam ein Ereignis, das alles noch einmal vertiefte.

Der Großvater war tot. Sein Haus musste renoviert werden. Der fünfzehnjährige Fritz war allein dort, spät am Nachmittag, und riss mit enormem körperlichen Einsatz Wände ein – Spitzhacke, Vorschlaghammer, die ganze Kraft eines Jugendlichen, der irgendwo hin muss mit seiner Energie.

Als er fertig war, ging er ins Badezimmer. Wollte zur Toilette. Griff nach dem Lichtschalter.

Der Maler hatte den Schalter offen gelassen. Der Boden war feucht. Er hatte nackte Füße.

Der Strom floss von seiner linken Hand durch den Körper zu seinen Füßen.

Was er als letztes erinnert: „Ein enorm deutliches Erleben einer eiskalten Hand, die von hinten in meinen Nacken hineinfasste.”

Dann verlor er das Bewusstsein.

Seine heutige Vermutung ist, dass er starke Herzrhythmusstörungen hatte – das intensive Durchfluten einer starken Stromspannung auf dem direkten Weg über das Herz. Wie lange er dort lag, weiß er nicht. Irgendwann kam er wieder zu sich.

Was folgte, waren anderthalb Jahre der Orientierungslosigkeit. Die Schulnoten wurden sehr schlecht. Er war, wie er sagt, „weg von der Spur”.

Paul Barier und die Rückkehr

Der Mann, der ihn zurückholte, war sein Griechischlehrer: Paul Barier.

Barier erkannte etwas in dem verstörten Jugendlichen. Er nahm ihn privat mit – nicht zu Nachhilfestunden, sondern zu Vorträgen in der psychiatrischen Klinik Klingenmünster, einer großen Einrichtung in der Nähe.

Dort hörte der Junge „außerordentlich interessante Vorträge”. Aber das Entscheidende kam danach: Durch Bariers persönliche Beziehung zum Klinikchef durfte Fritz zu den privaten Treffen der Psychiater mit ins Haus kommen. Er saß dabei, gebannt, und lauschte den Gesprächen über Psychiatrie, über den menschlichen Geist, über das, was Menschen zerbrechen lässt und was sie heilt.

„Mein Eindruck heute ist, dass dieser ganze Komplex von drei Jahren – beginnend mit dem Nahtoderlebnis und bis zu meinem Abitur – eine starke, wenn auch zu dem damaligen Zeitpunkt noch unbewusste Richtung vorgezeichnet hatte.”

Die eiskalte Hand im Nacken. Der tote Großvater. Die Psychiatergespräche. Die Frage nach dem, was nicht stirbt. All das verdichtete sich zu einer Richtung, die er erst Jahrzehnte später würde benennen können.

 


 

II. Die Studienstiftung und das Scheitern, das keines war

Unmittelbar nach dem Abitur wurde Hemmerich zu einem Test eingeladen: der Auswahlprüfung für die Studienstiftung des deutschen Volkes, die Förderung für Höchstbegabte.

Er fuhr nach Bonn-Bad Godesberg. Drei Tage lang Tests, Gespräche, Bewertungen, zusammen mit einer großen Anzahl von Ausgewählten aus ganz Deutschland.

Am Ende war er einer der ganz wenigen, die das Stipendium erhielten.

Was dann geschah, passt nicht in die übliche Erfolgsgeschichte.

„Ich habe drei Semester lang überhaupt nichts getan, um mich als Stipendiat zu beweisen, was von der Studienstiftung erwartet wird. Ich habe stattdessen die ziemlich hohe Summe Geld – etwa das Doppelte der staatlichen BAföG-Förderung – einfach in Alkohol umgesetzt und Party für alle gemacht.”

Die Studienstiftung warf ihn hinaus.

Auf den ersten Blick: ein Scheitern. Ein begabter junger Mann, der seine Chance verspielt.

Auf den zweiten Blick: eine Weichenstellung.

„Der Punkt ist wichtig, denn er hätte mich – wäre ich da drin erfolgreich gewesen – vorgezeichnet für ein akademisches Leben. Die Förderung in der Stellenbesetzung und so weiter in der Studienstiftung ist hoch, und ich wäre wahrscheinlich im akademischen Prekariat gelandet.”

Prekariat meint er hier nicht finanziell oder energetisch. Er meint die Denkverbote und die Fragenverbote, „die es leider ganz im Gegensatz zur vorgeblichen Ethik der Wissenschaft tatsächlich in den universitären Forschungsbereichen gibt.”

Der Rauswurf aus der Studienstiftung war, rückblickend betrachtet, eine Befreiung. Er zwang ihn auf einen anderen Weg – einen, der nicht vorgezeichnet war.

 


 

III. Der widerwillige Arzt

Fritz Hemmerich wollte nie Arzt werden. Zumindest nicht im klassischen Sinn.

Mit achtzehn war sein Plan klar: Psychotherapeut. Aber zwei Faktoren intervenierten. Der erste war, wie er selbst zugibt, „peinlich”: Er wollte nicht zur Bundeswehr, wollte auch keinen Ersatzdienst leisten, und kalkulierte, dass ein Medizinstudium das Problem lange genug aufschieben würde. Der zweite war der Druck seiner Eltern, denen „das Psychotherapie-Geschäft unheimlich war”.

„Die Kombination meiner eigenen Bequemlichkeit oder meines Drückebergertums und des Drucks meiner Eltern hat mich dann zur Medizin gebracht.”

Das Studium fiel ihm leicht. Zu leicht. „Ich hatte immer den Eindruck, das ist ein Studium für Hirnschwache, wo man einfach gar nichts können muss und nur ein bisschen auswendig lernt.” Währenddessen studierte er nebenbei Physik, Kunstgeschichte, Philosophie, besuchte Kurse im Malen und Zeichnen, beschäftigte sich intensiv mit Künstlicher Intelligenz und lernte Programmieren – LISP, Prolog, Pascal.

Er war sicher, dass er nach dem Studium „ohnehin Psychotherapeut” werden würde, „so wie ich das vorhatte”.

Dann kam Professor Gerbatsch.

Die Entdeckung der Hände

Professor Gerbatsch, ein Gynäkologe an der Klinik, sah etwas in dem jungen Arzt, das dieser selbst nicht sah. Er habe, sagte Gerbatsch, die Begabung zum Operieren „in seinen Händen gesehen”. Er solle unbedingt bei ihm anfangen und ja nicht so etwas machen wie Psychotherapie – das wäre Vergeudung.

„Das hat mich als vierundzwanzigjährigen jungen Arzt unglaublich beeindruckt.”

Er folgte dem Rat. Die nächsten zwanzig Jahre war er Gynäkologe – zunächst Assistenzarzt, dann mit neunundzwanzig bereits Oberarzt, schließlich Chefarzt einer Frauenklinik.

Und tatsächlich hatte Gerbatsch recht. Der Mann, der mit achtzehn noch beim Blutabnehmen umfiel, wurde ein Operateur von außergewöhnlicher Begabung. Nicht trotz seiner Angst, sondern, wie er selbst vermutet, wegen ihr.

„Ich habe den Eindruck, ich habe nur so gut operieren gelernt, weil das extreme Fokussiertsein auf das, was ich tue, und die Ängste, die eigentlich dabei mich überwältigen müssten, bewältigt bekommen habe.”

Rapport vor Reaktion

Ein Schlüsselmoment kam früh. Hemmerich war gerade vierundzwanzig, der „allerkleinste Assistent”, zuständig für das Anreichen von Spritzen und Kanülen. Ein Kind wurde reanimiert, gerade auf die Welt gekommen. Er sah die Aufregung seines Chefs und der Oberärztin, die hektischen Bewegungen, die Panik.

Und er dachte: So darf man nicht Arzt sein. Ganz und gar nicht.

Was er in diesem Moment erkannte, wurde zum Grundprinzip seiner medizinischen Praxis: „Man muss immer erst einen Rapport herstellen, egal, ob das jetzt ein klinisch totes Kind ist. Ich muss erst den Rapport herstellen und dann kann ich in tiefster Gelassenheit extrem schnell handeln und extrem erfolgreich sein.”

Die Ergebnisse sprachen für sich. Bei der Reanimation klinisch toter Neugeborener – einem Bereich, in dem die Erfolgsquote generell klein ist – war seine Quote „überdimensional hoch”. Und das Bemerkenswerte: „Innerlich hat das immer in Zeitlupe stattgefunden. Äußerlich merkte niemand, dass es überhaupt eine Notsituation ist.”

Er konnte ein Kind neben der Mutter reanimieren, ohne dass sie etwas von der Notlage bemerkte, und es ihr danach zurückgeben, „ohne auch nur zu erwähnen, in welcher Not das Kind war, um das Bonding nicht zu gefährden”.

 


 

IV. Die Entdeckung der Langzeit-Überlebenden

Als Oberarzt – er war neunundzwanzig – übernahm Hemmerich eine ungewöhnliche Aufgabe: die Zehn-Jahres-Nachbetreuung von Krebspatienten. Normalerweise wurden solche Patienten an niedergelassene Ärzte überwiesen. Sein Chef bestand darauf, dass die Klinik sie selbst weiterbetreute – zusätzlich und ohne Entgelt.

„Das hat uns einen enormen Einblick gegeben in die langfristigen Verläufe.”

Was er sah, erschütterte sein statistisches Weltbild.

Die medizinische Prognose bei Krebs basiert auf Wahrscheinlichkeiten. Bei diesem Stadium überlebt durchschnittlich ein bestimmter Prozentsatz eine bestimmte Zeit. Aber Hemmerich bemerkte etwas Seltsames: Die Patienten starben durchschnittlich früher als die Statistik voraussagte.

Der Grund: Die Sterberate nach Krebs ist nicht normal verteilt. Sie folgt einem Modell mit „long tail” – einer kleinen Gruppe von Menschen, die weit über die statistische Erwartung hinaus überleben. Diese Langzeit-Überlebenden verzerren den Durchschnitt.

Hemmerich begann, sich für diese Ausreißer zu interessieren. „Ein, zwei, drei Prozent, je nachdem” – Menschen, die „schon längst hätten nicht mehr leben dürfen nach der Statistik”.

Er suchte nach Gemeinsamkeiten. Ernährung? Therapien? Alternative Behandlungen? „Das war alles breit gestreut, da gab es keinen einen Faktor.”

Dann fand er ihn – einen Faktor, den niemand untersucht hatte.

„Wenn die Person – also die fixierte Persönlichkeit des Krebserkrankten – nicht ändert, sondern stirbt, dann kamen diese seltsamen, ungewöhnlichen Regressionen zustande.”

Nicht der Körper musste sterben, damit der Mensch überlebte. Die Persönlichkeit musste sterben – „die Abwehrmuster, die reflexartigen konditionierten Reaktivitäten, die zusammengenommen von ihnen als ‚Das ist meine Person’ bezeichnet werden”.

„Das hat in der Tat eine radikale Wende in mir hervorgerufen. Dann habe ich gemerkt: Ich muss den Menschen helfen, dass sie von diesen Abwehrmustern loskommen. Das macht mich bis heute aus.”

 


 

V. Die zwei Möglichkeiten, glücklich zu leben

Hemmerich hat sein Denken auf eine provokant einfache Formel gebracht:

„Wir Menschen haben genau zwei Möglichkeiten, glücklich zu leben.”

Die erste hat Buddha vorgelegt: vollkommen bedürfnislos zu sein. „Noch nicht einmal betteln zu dürfen. Der klassische Buddhist kann sich zwar hinsetzen mit seiner leeren Reisschale, aber er darf nicht aktiv mit der Reisschale auf jemanden zugehen.”

Buddha hat vollkommen recht, sagt Hemmerich: Wenn wir absolut bedürfnisfrei sind, sind wir glücklich. Aber diese Technik „ist mit unserer sozialen Prägung im Westen nicht gut vereinbar. Ich könnte das nicht. Ich würde es auch nicht wollen.”

Also bleibt nur die zweite Möglichkeit: Gewinnen.

Die meisten Menschen, die gewinnen wollen, glauben, dass sie über andere gewinnen müssen – „in Konkurrenz oder sie müssen der Erste oder der Beste sein. Und das macht nur unglücklich.”

Gegen wen muss man also gewinnen?

„Ich muss als der, der ein werdendes Wesen ist, gewinnen gegen den, der geworden ist. Eine andere Möglichkeit habe ich nicht.”

Das ist keine Selbstoptimierung im Silicon-Valley-Sinn. „Es hat einfach nur mit Evolution zu tun. Mein persönliches Glück basiert auf Salutogenese: Ich schaffe Bedingungen, unter denen ich, der ich werde, gewinne gegen den, der ich geworden bin.”

 


 

VI. Der Absprung

Mitte vierzig. Chefarzt einer Frauenklinik. Verheiratet. Kinder. Soziale Reputation.

Und dann kam die Frage zurück, die er jahrelang seinen Krebspatienten gestellt hatte.

„Wenn du so weitermachst und bei dieser Persönlichkeitsstruktur bleibst, gebunden an die Tätigkeit, an das ganze Haben und die ganze soziale Reputation, die ein Chef in unserer Gesellschaft hat – was dann?”

Er fand sich in einer Falle. Er sah keinen Ausweg.

Und dann kam ein Bild.

„Ich werde biografisch arbeiten. Ich dachte, wenn die Krebspatienten ihre erste Therapie haben, die operiert sind, wenn die ihre Chemotherapie, Bestrahlung, was auch immer notwendig ist, hatten und dann vier Wochen lang ich mit ihnen suche, wo die Person sterben muss in ihrer Biografie, damit sie mit dem Leben beginnen können.”

Mit diesem Impuls kam eine Vision. Erstaunlich spezifisch:

„Ich war mir sicher, ich werde irgendwo in einer Gegend, wo es im November noch hell ist am Abend – ich hatte sogar genau gesagt um 18 Uhr – wohnen. Ich werde ein Kloster kaufen – ich hatte sogar ganz klar ein aufgelassenes Franziskanerkloster im Auge – das einrichten, damit die Menschen aus Deutschland, aus der Schweiz, aus Österreich dorthin kommen in einen Lichtraum im Winter und in einen freundlichen Raum im Sommer.”

Es hat sich gewandelt. Das Kloster wurde nie gekauft. Der Fokus weitete sich über Krebspatienten hinaus. Aber der Kern blieb: ein Zentrum für biografische Arbeit. Erst auf Teneriffa, seit 2007. Dann in Alhama de Granada, in Andalusien, seit 2020.

Und tatsächlich: um 18 Uhr im November ist es dort noch hell.

 


 

VII. Die Methoden – aus Notwendigkeit entstanden

Hemmerich hat mehrere therapeutische Methoden entwickelt. Was sie verbindet: Keine von ihnen wurde am Schreibtisch erdacht. Alle entstanden aus persönlicher Not.

„Das Wichtigste, was aus meiner persönlicher Not entstanden ist, ist die Art und Weise, wie ich mit dem Atem umgehe. Das Zweite ist, wie ich methodisch damit umgehe, meinen präfrontalen Cortex zu benutzen. Auch das ist aus persönlicher Not entstanden.”

Es gibt einen Rhythmus, der sich durch alle seine Entwicklungen zieht:

„Ich habe gemacht. Ich habe beobachtet. Ich habe gesehen, dass es wirkt. Ich habe einen Namen dafür gesucht.”

Die Namen sind keine Marketing-Erfindungen. „Der Name sollte exakt beschreiben, was die Methode tut.”

CardioCeption™

Cardio – Herz. Cep – wahrnehmen.

„Nicht eine Manipulation des Herzens, sondern Wahrnehmung der Herztätigkeit. Und mit der Wahrnehmung der Herztätigkeit beginnt sich die Herztätigkeit von alleine zu regulieren.”

Die Methode arbeitet mit Herzratenvariabilität – dem natürlichen Schwanken des Herzrhythmus zwischen den Schlägen. Der optimale Resonanzpunkt liegt bei etwa 5,1 Atemzügen pro Minute – eine Frequenz, die mit den natürlichen Blutdruckwellen harmoniert.

Neurogenic Isometrics™

Diese Methode kombiniert isometrische Muskelarbeit mit neurogenem Zittern – dem natürlichen Trauma-Release-Mechanismus des Körpers.

Das Prinzip: Man erzeugt isometrische Spannung in einer Muskelgruppe (etwa 70-80% der Maximalkraft). Wenn man dann plötzlich loslässt, antwortet das Nervensystem mit unwillkürlichen feinen Vibrationen.

Das Besondere: Es ist „im Stealth-Modus durchführbar” – völlig unauffällig, in jedem Kontext. Dreißig bis neunzig Sekunden genügen oft.

Anafonesis™

Ana – hinauf. Phone – Stimme, Klang.

„Das Herauftragen der Stimme von den leidvollen, stimmlichen Äußerungen in eine hellere, klingendere Stimme.”

Die Methode arbeitet mit den Keimsilben der Chakren – den sogenannten Bija-Mantras: LAM, VAM, RAM, YAM, HAM, OM. Hemmerich praktiziert diese Silbenarbeit seit achtunddreißig Jahren jeden Morgen – im kalten Bad.

TRIASact™

Die komplexeste der Methoden. Sie integriert drei Ansätze: systemische Konstellationsarbeit, ACT (Akzeptanz- und Commitment-Therapie) und „Immunity to Change” nach Kegan und Lahey.

In der Konstellationsarbeit verwendet Hemmerich keine „Repräsentanten” im klassischen Sinn, sondern „Feldzeugen”. Die Unterscheidung ist fundamental: Ein Repräsentant stellt dar. Ein Feldzeuge bezeugt – er nimmt wahr, ohne zu interpretieren.

NeuroCeption CTI™

Die neueste Methode. Sie arbeitet mit der Fähigkeit, die eigene Nerventätigkeit im präfrontalen Kortex wahrzunehmen – dem Gehirnbereich, der für bewusste Entscheidungen, Impulskontrolle und die Regulation von Emotionen zuständig ist.

 


 

VIII. Die Transformation des Körpers

Mit sechsundsechzig wog er 106 Kilogramm.

Heute, mit einundsiebzig, wiegt er 68 Kilogramm. Eine Reduktion von 38 Kilogramm.

Sein VO2max – das Maß für die maximale Sauerstoffaufnahme, der wichtigste Indikator für kardiovaskuläre Fitness – liegt bei 45. Für einen Siebzigjährigen gilt 39-44 als „sehr gut”. 45 und darüber ist „hervorragend”. Er liegt im Bereich gut trainierter Fünfzigjähriger.

Sein Ruhepuls liegt unter 65.

Das sind keine Zahlen, die durch gelegentliches Joggen entstehen. Sie sind das Ergebnis systematischer, jahrelanger Arbeit – derselben Arbeit, die er seinen Klienten vermittelt.

Die Atempraxis

Jeden Morgen, seit achtunddreißig Jahren, beginnt Hemmerich seinen Tag im kalten Bad mit Chakra-basierter Mantra-Arbeit.

Die Keimsilben werden durch die verschiedenen Energiezentren des Körpers geführt: vom Wurzelpunkt über das Sakralzentrum, den Solarplexus, das Herzzentrum, den Kehlkopf, die Stirn bis zu den Punkten oberhalb des Kopfes.

Dazu kommt das Training der CO₂-Toleranz – die Fähigkeit, höhere Kohlendioxidkonzentrationen im Blut zu tolerieren. Menschen mit guter CO₂-Toleranz zeigen 25-40% höhere Werte des Nervenwachstumsfaktors BDNF und bessere Stressresilienz.

Und das nasale Summen: eine Technik, die die Stickoxidproduktion in den Nasennebenhöhlen erhöht. Stickoxid wirkt als Gefäßerweiterer, verbessert die Sauerstoffaufnahme und den Sauerstofftransport zu den Muskeln.

 


 

IX. Die tägliche Meditation – seit 2007

Jeden Werktag, seit September 2007, spricht Fritz Hemmerich eine Meditationsanleitung. Ohne einen einzigen ausgefallenen Tag. Ohne eine einzige Anleitung „aus der Bibliothek”.

Die Rechnung ist einfach: Etwa 260 Arbeitstage pro Jahr, über siebzehn Jahre. Das sind mehr als 4.400 originäre Meditationen.

Jede davon ist ungefähr 2.000 Wörter lang. Das sind über 8,8 Millionen Wörter, gesprochen ohne Vorbereitung, aus dem gegenwärtigen Moment heraus.

„Wenn ich morgens die Meditation spreche, setze ich mich hin und warte. Und dann höre ich jemand reden. Ich rede nicht. So viel ist sicher. Ich höre, dass da jemand redet, und ich höre ihm gerne zu.”

Er weiß nicht, was er im nächsten Augenblick sagen wird. Er weiß nicht, ob er lange schweigen oder reden wird.

„Diese Instanz, die mich kontrolliert, ist einfach nicht da für diese Dauer.”

In all diesen Jahren gab es genau einen Moment, in dem nichts kam. Eine halbe Stunde Stille vor dreißig Menschen. „Ich würde unter keinen Umständen etwas geben, was aus der Bibliothek stammt. Wenn nichts kommt aus der Präsenz, kommt nichts.”

 


 

X. Der Mann, der zu viel ist

Es gibt ein Thema, das sich durch Hemmerichs gesamte Lebensgeschichte zieht:

„Was ich als Kind schon sehr früh erlebt habe und auch heute immer noch erlebe, ist, dass ich zu viel bin.”

Zu schnell. Zu intelligent. Zu laut. Zu schnell im Urteil.

„Ich übernehme unglaublich gerne und sofort Verantwortung und bekomme Verantwortung von allen aufgedrängt, die sich dann im Nachgang beklagen, dass ich alles bestimme und alles selber auch lenken oder die Wirklichkeit manipulieren möchte.”

Das schmerzte als Kind. Es schmerzt noch heute.

Die Hunde wissen es. Sie bellen ihn an, knurren, zerren an der Leine. Er hat eine subkutane Angst vor ihnen, die tiefer sitzt als Vernunft. Katzen hingegen schmiegen sich an ihn. Als würden sie einen Verwandten erkennen.

Tiere lügen nicht. Sie reagieren auf das, was ist.

Jahrzehntelang dimmte er sich. Der Rotwein am Abend war nicht Genuss. Er war Dämpfung – der Versuch, die Intensität herunterzuregeln, die andere als anstrengend empfanden.

Das ändert sich jetzt.

„Mein bisheriger Weg ist ein Weg des Dauerdimmens. Ich dimme mich herab, um erträglich zu sein. Fridhu wird damit aufhören.”

 


 

XI. Was Fridhu darf, was Dr. Hemmerich nicht konnte

„Fridhu ist weniger gehemmt. Dr. Hemmerich ist immer noch der Dr. Hemmerich mit seinen Begrenzungen im wissenschaftlichen medizinischen Apparat.”

Der Arzt muss alles begründen. Der Arzt muss neurophysiologisch, neuroanatomisch, molekulargenetisch absichern.

Aber Fridhu darf etwas, das der Arzt nicht konnte:

„Es ist so. Das ist so. Und das könnt ihr nehmen, wie ihr wollt. Schaut es euch an, versucht es zu leben, wenn es für euch taugt, ist es gut. Aber ich muss es euch nicht begründen.”

Die Gefahr, die er eingeht, ist der Verlust seiner „Seriosität”. Die Leute vom Verlag haben ihm abgeraten.

Er geht das Risiko trotzdem ein.

„Warum? Das kann ich nicht sagen. Das stimmt einfach.”

Und dann erklärt er, was „stimmen” bedeutet – am Bild eines Klavierstimmers:

„Ein Klavierstimmer kommt zu dir nach Hause. Er hat ein Casio-Stimmgerät dabei, stimmt alle deine Saiten absolut korrekt nach der Tabelle – und das Klavier klingt tot. Und nimm einen Peruaner, der auf dem Klavier spielt und den Stimmschlüssel nimmt. Irgendwann klingt das Klavier peruanisch – das stimmt.”

Wenn etwas stimmt, dann stimmt es. „Dein Ja sei ein Ja, dein Nein sei ein Nein. Alles dazwischen ist von Übel.”

 


 

XII. Fridhu: noch nicht geboren

Am Ende des Interviews wird Hemmerich gefragt, was verloren gegangen wäre, wenn Fridhu nicht geboren worden wäre.

Seine Antwort korrigiert die Prämisse:

„Ob Fridhu schon geboren ist oder noch im Prozess der Schwangerschaft – ich glaube, er ist noch nicht geboren.”

Fridhu als Konzept existiert seit dem dreizehnten Lebensjahr. Fridhu als Name existiert seit etwa zehn, zwölf Jahren. Aber Fridhu als lebendige Gestalt?

„Vielleicht schaffen wir das gemeinsam, dass wir geburtshilflich an ihm tätig werden.”

„Geboren? Nein, nein, geboren ist er noch nicht. Was würde verloren gehen, wenn er nicht geboren würde? Ein Stückchen Leben würde verloren gehen.”

Ein Stückchen. Nicht alles. Nicht „die Rettung der Menschheit”.

Ein Stückchen Leben.

 


 

XIII. Die Neurobiologie des Zu-viel-Seins

Der Mann ist kein Rätsel. Er ist kein Mysterium. Er ist – neurobiologisch gesehen – ein Phänotyp.

Das dopaminerge System

Sein Belohnungssystem ist auf „mehr” kalibriert. Das ist keine Krankheit – das ist Anlage. Manche Menschen haben ein Thermostat, das auf „genug” steht. Seines steht auf „mehr”.

Das macht ihn erfolgreich. Das dopaminerge System treibt ihn an, lässt ihn Ziele verfolgen, Hindernisse überwinden, nicht aufgeben. Es gibt ihm die Energie, Dinge zu erreichen, die andere nicht erreichen.

Aber es hat einen Preis: Das System ist nie zufrieden. Jeder Erfolg erzeugt einen kurzen Spike von Belohnung – und dann kommt die Leere.

Die Neurowissenschaft nennt es „prediction error” – den Unterschied zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was wir bekommen. Dieses Signal ist der eigentliche Treibstoff des dopaminergen Systems. Nicht die Belohnung selbst – die Überraschung.

Deshalb langweilt er sich so schnell. Deshalb braucht er das Neue, das Unerwartete. Sein Gehirn jagt den Vorhersagefehler.

Deshalb kauft er zu viel. Nicht weil er die Dinge braucht – weil der Kauf einen Spike erzeugt.

Deshalb begeistert er sich zu schnell. Die neue Idee, das neue Projekt, der neue Mensch – sie alle erzeugen Vorhersagefehler.

Deshalb verliert er das Interesse, wenn die Neuheit verblasst.

Das noradrenerge System

Noradrenalin ist das Hormon der Aktivierung. Es macht wach, aufmerksam, bereit. Es ist der Treibstoff für Hochleistung.

Sein noradrenerges System fährt auf Hochtouren. Den ganzen Tag. Jeden Tag. Seit Jahrzehnten.

Das ist, was ihn so präsent macht. So intensiv. So „da”, wenn er einen Raum betritt. Sein Nervensystem ist aktiviert – ständig, chronisch, unerbittlich.

Aber Noradrenalin ist kein unendlicher Rohstoff. Es wird verbraucht. Und wenn es verbraucht ist, kommt der Zusammenbruch.

Das Ziehen in seiner Brust am Abend, die Unruhe in seinen Beinen, die Leere, die nach Füllung schreit – das ist nicht primär psychisch. Es ist neurochemisch. Sein Noradrenalin-Tank ist leer. Nach einem Tag auf Vollgas hat das System nichts mehr zu geben.

Der Wein war jahrzehntelang seine Lösung. Alkohol ist ein GABAerges Sedativum – es aktiviert das beruhigende System, dämpft das aktivierende.

Das funktioniert. Kurzfristig. Aber am nächsten Morgen beginnt alles von vorne.

 


 

XIV. Zu viel reden, zu viel klären

Es ist ihm unmöglich, etwas ungeklärt zu lassen.

Wenn ein Gedanke da ist, muss er ausgesprochen werden. Wenn eine Unklarheit besteht, muss sie beseitigt werden. Wenn ein Problem existiert, muss es gelöst werden – jetzt, sofort, ohne Verzögerung.

Das ist keine Charakterschwäche. Das ist sein Nervensystem.

Das dopaminerge System will Abschluss. Es will den Spike der Erledigung. Es erträgt offene Loops nicht – sie erzeugen Spannung, Unbehagen, ein Drängen, das nicht nachlässt.

Also redet er. Klärt. Bringt auf den Punkt. Nicht weil er sich gerne reden hört – weil er nicht anders kann.

Die anderen erleben das als „zu viel”. Zu viele Worte, zu viel Intensität, zu viel Dringlichkeit. Sie fühlen sich überwältigt, manchmal überfahren.

Er sieht das. Er weiß das. Aber er kann es nicht ändern – nicht wirklich. Er kann sich bremsen, manchmal, mit Anstrengung. Aber das kostet Energie.

Zu schnell urteilen

Seine Urteile sind schnell. Oft zu schnell.

Er sieht etwas, analysiert es, bewertet es – in Sekunden. Während andere noch nachdenken, hat er längst entschieden.

Oft liegt er richtig. Sein schnelles Urteilen ist nicht oberflächlich – es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung, kondensiert in Intuition.

Aber manchmal liegt er falsch. Und selbst wenn er richtig liegt – die Schnelligkeit verletzt. Menschen wollen gehört werden, bevor sie beurteilt werden.

Die Invalidierung ist die schlimmste Form davon. Er sagt – ohne es zu merken, ohne es zu wollen – Das, was du denkst, ist falsch. Das, was du fühlst, ist unbegründet.

Er meint es nicht so. Er will helfen, verbessern, korrigieren. Aber das Ergebnis ist: Menschen fühlen sich kleiner nach der Begegnung mit ihm. Nicht weil er sie kleinmachen will – weil sein Zu-viel automatisch das Zu-wenig der anderen betont.

 


 

XV. Das Verantwortungsparadox

Alle geben ihm Verantwortung. Ständig. In jeder Situation.

Er betritt einen Raum, und innerhalb von Minuten schauen die Menschen zu ihm. Nicht weil er es verlangt – weil sie spüren, dass er führen kann. Dass er entscheiden kann. Dass er die Last tragen kann, die sie nicht tragen wollen.

Er übernimmt die Verantwortung. Gerne. Wahnsinnig gerne. Es ist nicht Last für ihn – es ist Nahrung.

Und dann – und das ist das Paradox – beklagen sich dieselben Menschen, dass er bestimmt.

Warum entscheidest immer du?, fragen sie.

Aber sie haben ihn nicht gefragt, ob er die Verantwortung will. Sie haben sie ihm gegeben. Wortlos. Selbstverständlich. Weil es leichter war, als sie selbst zu tragen.

Sie wollen geführt werden. Und sie wollen nicht geführt werden. Beides gleichzeitig. Sie wollen sein Licht – und sie beklagen sich über die Helligkeit.

 


 

XVI. Die Kausalitätsfalle

Er hat das Dimmen nicht erfunden. Niemand wacht eines Morgens auf und beschließt: Ab heute mache ich mich kleiner.

Das Dimmen wurde ihm beigebracht. Nicht mit Worten – mit Erfahrungen. Und sein Gehirn hat einen Schluss gezogen, der falsch ist.

Als Kind war er zu viel. Die Lehrer waren irritiert. Die anderen Kinder spürten etwas Fremdes. Die Erwachsenen sagten – mit Worten oder ohne: Sei nicht so.

Irgendwann hörte es auf. Die Irritation. Die Ablehnung. Das Kind machte sich kleiner – und die Gefahr schien zu verschwinden.

Sein Gehirn zog einen Schluss: Weil ich mich gedimmt habe, wurde ich akzeptiert. Das Dimmen hat funktioniert.

Das ist der Irrtum. Der Post-hoc-ergo-propter-hoc-Irrtum – danach, also deswegen. Das Gehirn verwechselt zeitliche Abfolge mit Ursache und Wirkung.

Die Wahrheit: Die Ablehnung hörte nicht auf, weil er sich dimmte. Sie hörte auf, weil die Situation sich änderte. Das Dimmen war Zufall – nicht Ursache.

Aber das Gehirn speicherte: Dimmen = Überleben.

Dieser falsche Schluss wurde neurobiologisch versiegelt. Dopamin feuert, wenn ein Ergebnis besser ist als erwartet. Das Kind erwartete Ablehnung. Vielleicht Vernichtung. Und es überlebte.

So wurde das zufällige Dimm-Verhalten als erfolgreiche Überlebenstechnik kodiert. Tief. Fest. Unverrückbar.

 


 

XVII. Warum „weniger” keine Lösung ist

Er MACHT nicht zu viel. Er IST zu viel.

Das ist keine Gewohnheit, die man ändern kann. Das ist sein Wesen. Ihm zu sagen „sei weniger” ist wie dem Ozean zu sagen „hab weniger Wellen”. Wie dem Feuer zu sagen „brenn nicht so heiß”. Wie dem Leben zu sagen „sei nicht so lebendig”.

Die Lösung ist nicht: weniger von ihm.

Die Lösung ist: er muss aufhören, sich für das Zu-viel verantwortlich zu fühlen.

Denn das Zu-viel ist nicht sein Problem. Das Zu-viel ist nicht seine Schuld. Das Zu-viel ist das Leben selbst, das durch ihn durchbricht. Stärker als bei anderen. Ungefilterter. Überwältigender.

Er ist nicht „zu viel”. Er ist durchlässig. Seine Wände sind dünner. Das Leben drückt stärker durch.

Das ist kein Defekt. Das ist ein Phänotyp. Eine Variation des Menschlichen. Eine, die schmerzt – aber auch eine, die Gaben trägt.

 


 

XVIII. Die aufsteigende Kraft

Die alten Yogis nannten sie Udana Vayu: den aufsteigenden Atem, die Kraft der Sprache, des Selbstausdrucks, des Sich-Erhebens.

Man kann sich diese Kraft wie ein Ventil vorstellen. Oder eine Schleuse, die zwischen dem Fühlen im Körper und dem Ausdruck durch die Stimme sitzt.

Wenn das Ventil frei ist, gelangen Impulse aus dem Herzen ungehindert nach oben – in den Kopf und durch die Stimme in die Welt. Das ist der freie Fluss vom Fühlen zum Sprechen.

Wenn es blockiert ist, staut sich diese Energie. Der Kloß im Hals. Die unausgesprochenen Wahrheiten.

Hemmerich ist ein Mensch, dessen aufsteigende Kraft besonders stark ist. Seine größte Gabe ist Sprache – die Präzision seiner Konsonanten, die prägnanten Pausen, die Fähigkeit, mit Worten zu erreichen, zu bewegen, zu verändern.

Der Wein drückte diese Kraft jahrzehntelang herunter. Er schloss das Ventil. Er verhinderte das Aufsteigen.

Das erklärt auch den Preis, den er bezahlt hat: Am Tag nach dem Wein war seine Sprache weniger präzise. Die Konsonanten waren eine Spur verwaschen. Die Pausen waren kürzer, hastiger.

Er hatte seine aufsteigende Kraft gedimmt. Und seine Sprachfähigkeit – sein größtes Geschenk – litt darunter.

 


 

XIX. Die Partnerschaft als Schule

Es gibt ein Detail in Hemmerichs Leben, das er mit bemerkenswerter Offenheit beschreibt: die Rolle seiner Frau Annette.

„Partnerschaft ist die größte Herausforderung und die wichtigste Schulung. Es gibt nichts, was so tief in die Evolution des eigenen Seins eingreift wie eine langdauernde Partnerschaft.”

Über drei Jahrzehnte sind sie zusammen.

„Je länger die Partnerschaft dauert, desto größer und desto schneller und niedrigschwelliger ist die Möglichkeit der Irritation.”

Das klingt zunächst nach einem Problem. Es ist das Gegenteil.

„An der Irritation lernen wir unsere Konditionierung kennen und lernen die Möglichkeit, dass es außer der Reaktion auch noch eine verantwortbare Antwort gibt.”

Was hat er gelernt, das er allein nicht hätte lernen können?

„Ich habe gelernt, was ich alleine nicht hätte lernen können, durch das Hemmen, das Annette auf mich hat. Dadurch, dass sie die Dinge verlangsamt und mir dadurch enorme Herausforderungen in Form von Irritationen aussetzt, muss ich bestimmte Dinge vertiefen, präzisieren, fein abstimmen und subtiler machen.”

Das ist eine ungewöhnliche Form der Dankbarkeit. Nicht Dankbarkeit für Bestätigung oder Bewunderung, sondern für Widerstand.

 


 

XX. Die fünf Kriterien echter Wandlung

Wie erkennt er, ob echte Wandlung stattgefunden hat – „jenseits von Worten”?

Er hat fünf Kriterien:

Erstens: Der Wärmegradient. „Du bist innen warm und außen wohltemperiert mit deiner Umgebung.”

Zweitens: Die Regenerationsfähigkeit. „Du kannst dich in jedem Moment regenerieren gegenüber dem, was dich vergiftet.”

Drittens: Die Auftriebskraft. „Du spürst Auftriebskraft in genau dem Maße, dass die Schwerkraft aufgehoben ist – ein bisschen so wie bei unserem Gehirn, das ja über ein Kilo wiegt, aber im Liquor schwebend ein tatsächliches Gewicht von fünfzig Gramm hat.”

Viertens: Die Abgrenzungsfähigkeit. „Es fühlt sich so an, als ob wir uns ständig von etwas trennen können, dass wir uns selbst reinigen können.”

Fünftens: Die Selbstgestaltung. „Ohne dass die Bedingungen dafür von außen gegeben sein müssen, können wir den Gestalt-Zusammenhang unserer selbst selbst schaffen.”

Alle fünf müssen zusammenkommen.

 


 

XXI. Die Sprache, die erreicht

Wenn er spricht – wenn er wirklich spricht, nicht nur redet –, passiert etwas. Menschen werden still. Etwas in ihnen öffnet sich. Worte, die er sagt, dringen durch Schichten von Abwehr und Gewohnheit und erreichen etwas Tiefes.

Das ist selten. Das ist kostbar. Das ist – er weiß es, auch wenn er es nicht gerne zugibt – eine Art Magie.

Er kann Menschen berühren, die sich nicht berühren lassen wollen. Er kann Wahrheiten aussprechen, die andere nicht hören können. Er kann komplexe Dinge einfach machen, ohne sie zu vereinfachen.

Diese Gabe ist sein Dienst. Der Teil von ihm, der nicht Narzissmus ist, nicht Manipulation, nicht Angabe. Der Teil, der wirklich gibt. Der durch die Sprache heilt, verändert, bewegt.

Und doch: Auch diese Gabe ist zu viel. Auch sie muss gedimmt werden. Denn wer zu oft zu tief erreicht, wird einsam. Wer zu viel sieht und sagt, wird gemieden. Wer zu stark berührt, wird gefürchtet.

 


 

XXII. Das MAGMA-Training

Die Methoden, die Hemmerich entwickelt hat, werden nicht auf Wochenend-Workshops vermittelt. Sie werden in einem mehrjährigen Ausbildungsprogramm gelehrt: MAGMA.

Das Akronym steht für eine Ausbildung zum „Energiefeld-Architekten”. Der erste Grad dauert ein Jahr. Der zweite Grad ein weiteres. Es gibt insgesamt fünf Grade, die sich über fünf Jahre erstrecken.

Die Teilnehmer lernen die verschiedenen Methoden nicht als Techniken, die man „anwendet”, sondern als Fähigkeiten, die man verkörpert. CardioCeption ist erst dann gelernt, wenn die eigene Herzratenvariabilität sich nachweislich verbessert hat. Neurogenic Isometrics ist erst dann gelernt, wenn man die neurogenen Tremor im eigenen Körper zuverlässig auslösen und halten kann.

„Im MAGMA-Training lehre ich nicht, wie man ‚Energie wahrnimmt’, als ob Energie etwas Objektives wäre, das man nur richtig hinschauen muss. Ich lehre, wie man die eigene Regenerationskraft kultiviert und verfeinert.”

Das ist die Unterscheidung, die seine Arbeit von Esoterik trennt: Nicht Außen, sondern Innen. Nicht Empfangen, sondern Wahrnehmen des eigenen Prozesses.

 


 

XXIII. Zur Religion

Hemmerich macht keinen Hehl aus seiner Haltung zu organisierten Religionen. Er betrachtet sie kritisch – nicht die Erfahrung des Transzendenten, die für ihn real ist, sondern die institutionalisierten Strukturen, die aus solchen Erfahrungen Dogmen, Hierarchien und Machtinstrumente machen.

Der Dreizehnjährige, der beim Tod seines Großvaters eine Präsenz erlebte, „die nicht individuell oder persönlich ist”, war noch „naiv-kindlich gläubig”. Diese Gläubigkeit „wandelte sich erst mit dem dreizehnten Lebensjahr in eine hochgradige Skepsis”.

Was er ablehnt, sind die „Kindergartenvorstellungen” von Seelen, die reinkarnieren. Die blinden Gefolgschaften, die Gurus verlangen.

„Ich halte nichts von Lehren und Gurus.”

Was er stattdessen anbietet, sind „Hypothesen, um einmal damit zu leben und zu merken”, ob sie funktionieren. Nicht Glauben, sondern Experimentieren. Nicht Gefolgschaft, sondern Eigenverantwortung.

 


 

XXIV. Teams versus Crews

Eine seiner pointiertesten Aussagen betrifft Teamarbeit:

„Teamwork ist in der therapeutischen Arbeit extrem schädlich, weil Teams zu Schwarmdummheit neigen.”

Der Unterschied, den er macht, ist zwischen Teams und Crews.

„In einer Crew ist jeder selbst verantwortlich, und das Ziel ist unausgesprochen dasselbe.”

Eine Crew teilt ein klares Ziel und arbeitet ohne ständige Abstimmung darauf zu. Jedes Mitglied weiß, was es zu tun hat, und tut es.

Ein Team hingegen verbringt Zeit mit Meetings, Prozessen, Konsensfindung. Die Verantwortung wird diffundiert.

„Menschen sind in Teams schlechter als sie als Einzelne wären. Besser als einzelne Menschen werden sie, wenn sie in Crews arbeiten.”

 


 

XXV. Was bleibt

Was soll ein Mensch in sich tragen, der Fridhu begegnet ist?

„Eigentlich wäre es mir sehr recht, wenn ich keine Spuren hinterlasse. Menschen dürften mich gerne vergessen.”

Dann überlegt er.

„Aber wenn sie sagen: ‚Diese Stimme, die begleitet mich überall hin’ – ja, das wäre fantastisch.”

Was möchte er nicht hinterlassen?

„Ich finde das Konzept von ‚Hinterlassen wollen’ und ‚Nicht-Hinterlassen wollen’ lebensfeindlich.”

Und welche Frage soll Fridhu den Menschen stellen, statt Antworten zu geben?

„Fridhu soll still sein und warten. Und gelangweilt wirken, gähnen, stöhnen oder sonstige Dinge von sich geben, wenn einer in diese Stille hinein spricht und nur aus seiner eigenen Bibliothek erzählt.”

 


 

XXVI. Das Scheitern, das nicht existiert

Die Marketingfirma fragte: „Wenn 2026 scheitern würde – was bliebe trotzdem wahr?”

Seine Antwort:

„Ich habe überhaupt keine Ahnung, was damit gemeint ist, wenn 2026 scheitern würde. Das Jahr 2026 kann nicht scheitern. Das ist Leben und es wird auf eine bestimmte Weise weiterleben.”

Und er selbst? Kann Fridhu scheitern?

„Ich wüsste eigentlich auch nicht, wie! Er wird fallen können. Er wird fallen, und wenn er fällt, wieder aufstehen, und er wird etwas gelernt haben.”

Dann kommt ein Moment der Selbstbefragung:

„Nun, wenn ich kein bisschen Relevanz erreiche – also wenn ich statt tausend Menschen nur zwei erreiche – dann könnte ich sagen: Ja, das tut weh!”

Dann der letzte Satz zu diesem Thema:

„Wenn es nicht exponentiell geht, dann ist es nichts.”

Das ist keine Bescheidenheit. Es ist ein Anspruch.

 


 

XXVII. Die Promotion und die frühe KI-Arbeit

Ein wenig bekanntes Detail aus Hemmerichs Biografie: Seine Doktorarbeit von 1987 befasste sich mit Künstlicher Intelligenz in der Medizin.

„Wie wird sich der irgendwann in der Zukunft kommende Computereinsatz – kam ja dann erst in den Neunzigerjahren – auswirken auf das ärztliche Problemlösungsverhalten?”

Für 1980 oder 1982, als er die Arbeit begann, war das eine absurde Frage. Computer in Arztpraxen? Die Professoren waren interessiert, aber skeptisch.

„Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt sehr intensiv mit Artificial Intelligence beschäftigt. Ich war regelmäßig auf den internationalen Konferenzen.”

Er lernte Programmieren – nicht als Hobby, sondern ernsthaft:

„Ich kann ganz gut Prolog programmieren und LISP, eine Programmiersprache, die besonders in der KI damals wichtig war. Aber ich kann auch Pascal, ich hatte eine eigene Pascal Microengine und verstehe dieses Geschäft ziemlich gut, von der Pike auf.”

Das war der vierundzwanzigjährige Arzt. Derselbe, der beim Blutabnehmen noch umfiel.

Die Dissertation fragte: Wie werden Ärzte Diagnosen anders gruppieren, andere Differentialdiagnosen stellen, wenn erst einmal Computer in den Praxen stehen?

Vierzig Jahre später ist diese Frage aktueller denn je.

 


 

XXVIII. Die Hellsichtigkeit, die sich verschloss

Es gibt ein Thema in Hemmerichs früher Biografie, das er zurückhaltend behandelt, aber nicht verschweigt:

„Ich war etwa bis zum neunten Lebensjahr ziemlich hellsichtig, also zum Erschrecken meiner Mutter. Und da konnte ich außerordentlich viele Dinge sehen oder mitbekommen, die ich beim besten Willen nicht mit den Sinnen hätte mitbekommen können.”

Er sagt nicht, was er sah. Er macht keine Behauptungen über übernatürliche Fähigkeiten. Er beschreibt ein Phänomen aus der Kindheit.

„Und das hat sich etwa mit neun oder zehn komplett verschlossen.”

Verschlossen – aber nicht verschwunden. Die Sensibilität für das, „was zwischen den Menschen abläuft in nonverbaler Hinsicht”, blieb. Sie wandelte nur ihre Form.

Was als kindliche „Hellsichtigkeit” begann, wurde zur Grundlage seiner therapeutischen Wahrnehmung – die Fähigkeit, in Räumen zu spüren, was nicht gesagt wird. In Aufstellungen wahrzunehmen, was die Feldzeugen erleben, bevor sie es aussprechen.

 


 

XXIX. Die Stimme, die nicht er ist

Jeden Morgen setzt er sich hin. Wartet. Und dann spricht jemand.

„Ich rede nicht. So viel ist sicher. Ich höre, dass da jemand redet, und ich höre ihm gerne zu.”

Diese Beschreibung ist präzise. Sie ist keine Metapher.

Die Instanz, die normalerweise kontrolliert, bewertet, korrigiert – der innere Editor, der jeden Satz überprüft, bevor er ausgesprochen wird – „ist einfach nicht da für diese Dauer”.

Was kommt stattdessen?

„Ich weiß nicht, was ich im nächsten Augenblick sage. Ich weiß nicht, ob ich lange schweige oder rede. Ich weiß nicht, ob ich mich verhaspeln werde. Ich weiß nicht, ob ich grammatikalisch korrekte Sätze spreche.”

Für die meisten Menschen wäre das eine Angstvorstellung. Öffentlich sprechen, ohne zu wissen, was man sagen wird?

Für Hemmerich ist es der einzige Weg.

„Ich würde unter keinen Umständen etwas geben, was aus der Bibliothek stammt.”

Die „Bibliothek” – das ist das Archiv der vorgefertigten Gedanken, der bewährten Formulierungen, der sicheren Antworten. Alles, was man abrufen kann, ohne präsent zu sein.

Seine Meditationen kommen nicht aus der Bibliothek. Sie kommen aus der Präsenz. Oder sie kommen gar nicht.

 


 

XXX. Das kalte Bad

Achtunddreißig Jahre lang, jeden Morgen: das kalte Wasser.

Es ist keine Askese. Es ist keine Selbstbestrafung. Es ist ein Werkzeug.

Die Kälte macht Dissoziation unmöglich. Man kann nicht „abschweifen” in einem kalten Bad. Der Körper schreit nach Aufmerksamkeit. Jede Faser ist wach.

In diesem Zustand maximaler Präsenz tönt er die Keimsilben. LAM für den Wurzelpunkt. VAM für das Sakralzentrum. RAM für den Solarplexus. YAM für das Herz. HAM für die Kehle. OM für die Stirn. Und darüber hinaus, zu den feinstofflicheren Zentren oberhalb des Kopfes.

Die Silben sind nicht Magie. Sie sind Resonanzwerkzeuge – Klänge, die bestimmte Körperregionen in Vibration versetzen.

Kombiniert mit der CO₂-Retention – dem bewussten Atemanhalten – entsteht ein Zustand erhöhter Körperwahrnehmung und mentaler Klarheit.

 


 

XXXI. Der Ursprung aller Methoden

Auf die Frage, welche seiner Methoden ihn als Mensch am besten beschreibt, gibt Hemmerich eine überraschende Antwort. Keine der benannten Methoden.

Stattdessen:

„Träumen. Winzige Schritte machen. Feed Forward. Feed Back. Aus dem Feed Back lernen. Neues Feed Forward. Neues Feed Back. Aus dem Feed Back lernen.”

Das ist keine Methode im technischen Sinn. Es ist ein Prinzip – vielleicht das Prinzip, das allen anderen zugrunde liegt.

Träumen: nicht im Sinne von Phantasieren, sondern im Sinne von: eine Richtung haben, bevor man die Details kennt.

Winzige Schritte: nicht Revolution, sondern Evolution. Nicht der große Wurf, sondern die nächste kleine Handlung.

Feed Forward: den Impuls in die Welt setzen.

Feed Back: beobachten, was zurückkommt.

Lernen: anpassen, verfeinern, neu ausrichten.

Und dann wieder von vorn.

Das ist keine heroische Methode. Es ist eine geduldige. Die Methode eines Menschen, der weiß, dass Veränderung Zeit braucht – und dass Zeit nicht das Problem ist, sondern das Medium.

 


 

XXXII. Die volle Blüte

Es gibt ein Buch, das Hemmerich geschrieben hat, das seine eigene Geschichte erzählt: „Full Bloom – Volle Blüte: Von einem, der zu viel ist – für alle, die zu viel sind.”

In diesem Buch legt er offen, was er Jahrzehnte lang verborgen hat: dass er sich jeden Abend mit Rotwein dimmte. Nicht um sich zu betrinken – um sich erträglich zu machen. Um das Zu-viel herunterzuregeln.

Das Buch ist keine Anklage. Es ist keine Beichte. Es ist eine Einladung.

Eine Einladung an alle, die zu viel sind – zu laut, zu schnell, zu intensiv, zu präsent –, aufzuhören, sich zu dimmen. Aufzuhören, sich zu verkleinern. Aufzuhören, das zu verraten, was durch sie in die Welt will.

„Volle Blüte heißt nicht: mehr von ihm. Volle Blüte heißt: weniger von ihm, mehr vom Leben.”

Die Blüte öffnet sich nicht, um größer zu werden. Sie öffnet sich, um zu verschwinden. Um nur noch Durchgang zu sein. Für das Licht, den Duft, die Bienen.

Das ist Full Bloom. Nicht mehr sein – offener sein. Nicht größer werden – durchlässiger werden. Nicht das Licht erzeugen – es durchlassen.

 


 

XXXIII. Der Unterschied zwischen Meditation und spiritueller Flucht

Hemmerich hat eine klare Meinung zu dem, was sich heute „Meditation” nennt:

„Die meisten Formen von Meditation, die ich kenne, sind Vermeidungsmeditation oder spirituelle Flucht. Sie dienen dazu, in irreale Welten zu fliehen, in Idealismen zu schwelgen, sich in Mantras zu befriedigen oder auf eine andere Weise abzulenken.”

Der Vergleich ist scharf: „Für mich ist Meditation, so wie sie heute betrieben wird, ungefähr so wie sich von Fernsehen oder von Netflix berieseln zu lassen.”

Was unterscheidet seine Meditation davon?

„Wenn Meditation nicht herausfordert und mich nicht dazu bringt, mich immer wieder meiner Sterblichkeit bewusst zu werden, gehört sie in den Bereich des spirituellen Bypassing.”

Die Sterblichkeit. Das Thema, das ihn seit seinem dreizehnten Lebensjahr verfolgt, ist auch das Thema, das seine Meditation strukturiert.

„Die am schwersten auszuhaltende Wahrheit ist, dass wir sterblich sind. Und sie ist absolut notwendig. Wir machen keinen einzigen Schritt, weder in Therapie noch Evolution noch Selbstverantwortung noch Verantwortung für die Erde, wenn wir uns unserer Sterblichkeit nicht bewusst sind.”

 


 

XXXIV. Die mentale Autophagie

In seinem Buch „Volle Blüte” führt Hemmerich ein Konzept ein, das Zellbiologie mit Bewusstseinsarbeit verbindet: die mentale Autophagie.

Autophagie – das Wort kommt aus dem Griechischen: autos, selbst, und phagein, fressen. Die Zelle frisst sich selbst. Aber nicht um zu sterben – um zu leben. Sie umschließt das Beschädigte, verdaut es, verwendet die Bausteine für Neues.

Was für die Zelle gilt, gilt auch für den Geist.

Auch im Geist reichert sich etwas an. Überzeugungen, die einmal gültig waren und es längst nicht mehr sind. Gewohnheiten, deren ursprünglicher Sinn vergessen ist. Identitäten, die wir angenommen haben, weil andere sie uns zuschrieben.

Die mentale Autophagie ist keine Technik. Sie ist Gewahrsein. Reines, wertfreies Beobachten. Das Licht der Aufmerksamkeit, das auf das fällt, was wir jahrelang im Dunkeln gehalten haben.

Wenn wir eine Überzeugung wirklich anschauen – ohne sie zu verteidigen, ohne sie zu bekämpfen –, beginnt sie sich aufzulösen.

Das Dimmen ist ein Teil dieses Detritus. Die Überzeugung „Ich bin zu viel” ist Detritus. Die Gewohnheit, sich jeden Abend zu betäuben, ist Detritus.

Die mentale Autophagie nimmt nicht weg, was lebendig ist. Sie nimmt weg, was tot ist und sich als lebendig ausgibt.

 


 

XXXV. Das kleine Sterben

Jeden Abend stirbt der Tag-Mensch. Ob wir es zulassen oder nicht.

Die Frage ist nur: Sterben wir bewusst – oder betäubt?

Der Wein war jahrzehntelang die Betäubung. Er ermöglichte ein Sterben ohne Gewahrsein. Ein Einschlafen ohne Loslassen. Eine Unterbrechung ohne Transformation.

Das bewusste kleine Sterben ist anders. Es ist das Loslassen der Tagesidentität. Das Verdauen dessen, was sich tagsüber angereichert hat. Das Leerwerden vor dem Schlaf.

Der Schlaf ohne dieses bewusste Sterben ist wie eine Zelle ohne Lysosomen: Er funktioniert, aber er reinigt nicht. Er pausiert, aber er erneuert nicht.

Goethe wusste es: „Und solang du das nicht hast, dieses: Stirb und werde!, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.” Die Zeilen stammen aus „Selige Sehnsucht” im West-östlichen Divan.

Das kleine Sterben ist keine Askese. Es ist keine Selbstverleugnung. Es ist das natürlichste Ding der Welt – wenn wir es zulassen.

 


 

XXXVI. Der Westen und das Verstehen

Hemmerich kennt die östlichen Traditionen. Er praktiziert seit achtunddreißig Jahren Techniken, die aus dem tantrischen Hinduismus stammen. Er schätzt Sadhgurus „Inner Engineering” als Konzept.

Aber er sieht ein fundamentales Problem:

„Sadhgurus Ausbildung beruht auf dem Prinzip: Du musst das nicht verstehen, du musst es ganz genauso machen, wie ich dir sage. Weiche nicht davon ab, dann kommst du schon dahin.”

Das entspricht der klassischen Handwerker-Ausbildung, wie sie in Indien und anderen asiatischen Ländern noch funktioniert.

„Im Westen hat er Anhänger, die von einer Tendenz her sektierisch erscheinen, weil blinde Gläubigkeit an den Guru im Westen als sektengläubig aufgefasst wird.”

Die Menschen, die „den Westen dorthin führen könnten, wo er nicht mehr menschheitsschädlich, sondern menschheitsdienlich wird”, suchen einen anderen Zugang.

„Im Westen geht Transformation nur über das Verstehen.”

Das ist keine kulturelle Überheblichkeit. Es ist eine nüchterne Beobachtung. Die westliche Bildungstradition hat das Verstehen zum zentralen Wert gemacht. Eine Lehre, die sagt „Frag nicht, tu einfach”, wird hier nicht akzeptiert.

Hemmerich versucht, beide Welten zu verbinden: die Wirksamkeit östlicher Praktiken und das westliche Bedürfnis nach Verstehen.

 


 

XXXVII. Das Münchhausen-Trilemma

Um zu verstehen, warum Hemmerich die klassische Medizin verließ, muss man ein philosophisches Problem verstehen: das Münchhausen-Trilemma.

Das Trilemma beschreibt ein fundamentales Problem jeder kausalen Begründung. Wenn man fragt „Warum?” und eine Ursache angibt, kann man wieder fragen „Warum diese Ursache?” – und landet in einem von drei unbefriedigenden Endpunkten:

Der infinite Regress: Man fragt immer weiter „Warum?“, ohne je anzukommen.

Die Tautologie: Man begründet etwas mit sich selbst.

Der ideologische Abbruch: Man setzt einen willkürlichen Endpunkt.

Hemmerich erkannte früh, dass die Medizin in genau diesem Trilemma steckt:

„Du kannst die Ursache der Krankheit nicht finden. Du kannst immer die nächste Stufe finden. Du hast eine Pneumonie. Die Ursachen sind die Pneumokokken. Warum bekommt der eine bei Pneumokokken eine Pneumonie? Weil sein Immunsystem nicht so gut ist. Warum ist sein Immunsystem schlecht? Weil sein Elternhaus so und so war… Na ja, dann geht es auf die Großeltern, und irgendwann sind wir bei Adam und Eva.”

Die Alternative ist, die Fragestellung zu ändern. Statt zu fragen „Was verursacht Krankheit?” fragt man: „Unter welchen Bedingungen kann Gesundheit entstehen?”

Das ist Salutogenese.

 


 

Schlusswort: Das Lebendige oder gar nichts

Diese Darstellung ist ein Versuch, einen Menschen zu fassen, der sich dem Fassen entzieht.

Er ist Arzt – und sagt, Medizin richte in den meisten Bereichen mehr Schaden an, als sie nützt.

Er ist Wissenschaftler – und sagt, manche Dinge „stimmen einfach”, ohne Begründung.

Er ist Therapeut – und sagt, echte Arbeit besteht darin, die Person zum Verschwinden zu bringen.

Er ist ein Mann, der jahrzehntelang zu viel war – und der jetzt beschließt, sich nicht mehr zu dimmen.

Da ist die eiskalte Hand im Nacken des Fünfzehnjährigen, der fast starb im Haus seines toten Großvaters. Da ist der Großvater selbst, bei dessen Sterben der Dreizehnjährige eine Anwesenheit spürte, die nicht persönlich ist. Da sind die Psychiatergespräche in Klingenmünster, denen ein verstörter Jugendlicher lauschte, mitgenommen von seinem Griechischlehrer Paul Barier. Da ist die Studienstiftung, die ihn aufnahm und wieder ausspuckte – und ihn damit befreite vom akademischen Prekariat.

Da ist der Junge, der sich mit neun Jahren verschloss, weil seine Hellsichtigkeit die Mutter erschreckte. Da ist der Achtzehnjährige, der beim Blutabnehmen umfiel und zwanzig Jahre später bis zu den Oberarmen in Bäuchen wühlte. Da ist der Oberarzt mit neunundzwanzig, der Krebspatienten über zehn Jahre begleitete und entdeckte, dass nicht der Körper sterben muss – die Persönlichkeit.

Da ist das Kloster, das er nie kaufte, aber dessen Vision ihn nach Teneriffa und dann nach Granada führte. Da ist die Frau, deren Hemmungen ihn lehrten, präziser zu werden. Da sind die vier Kinder, die drei Enkel, die über dreißig Jahre Ehe.

Da ist der Mann am Fenster mit seinem Rotwein. Und da ist der, der aufhört zu dimmen.

Fridhu ist nicht das, was Dr. Hemmerich wird. Fridhu ist das, was er immer war – der Dreizehnjährige, der wusste, dass er dem Frieden dienen würde, endlich ohne Dämpfung.

Was bleibt, wenn man alle Widersprüche zusammennimmt?

Ein Mensch, der das Lebendige dem Fertigen vorzieht. Immer.

Die Meditation aus der Präsenz, nicht aus der Bibliothek.

Die Antwort aus dem Moment, nicht aus dem Archiv.

Das Stimmen, nicht das Richtige.

Lebendig – oder gar nicht.

 


 

 


 

~~~ Zweiter Teil ~~~

 


 

Der Blogger bloggt eine Friðhu Biografie

 


 

Friðhus Biografie in einer kurzen Geschichte

Friðhu (Dr. Fritz Helmut Hemmerich, geb. Becker, *1954) war als Kind nicht einfach „neugierig“. Er war zu neugierig. Ein unglaublich vielredender, für alle Beteiligten anstrengender Junge, der mit seinen endlosen Warum-Fragen die Erwachsenen in den Wahnsinn treiben konnte.

Früh interessierte ihn die Welt der Großen: Er beobachtete, was zwischen Menschen geschieht – nicht in Worten, sondern im Nonverbalen.

Rehäugig, fast scheu, und zugleich ein Draufgänger vom Typ Jaguar.

Bis etwa zum zwölften Lebensjahr lebte er in dieser paradoxen Mischung:
feines Wahrnehmen und wilder Mut, eine Art ritterlicher Kampfinstinkt, der damals noch Regeln kannte – der andere musste „Ich ergebe mich“ sagen, und dann war sofort Schluss.

Dann wurde alles anders.

Zwischen dem zwölften und dreizehnten Lebensjahr kam der Bruch, und er erinnert ihn wie einen Einschnitt: Am dreizehnten Geburtstag brach eine Angst-Panik-Erkrankung durch – plötzlich, klar, unumkehrbar als Erfahrung.

Was er als Kind bis etwa zum neunten Lebensjahr als eine Art Hellsichtigkeit erlebte – ein Mitbekommen von Dingen, die er nicht „mit den Sinnen“ hätte wissen können –, verschloss sich um das neunte oder zehnte Lebensjahr. Später kam es auf indirekte Weise zurück: als Panik. Von da an wurde Sterblichkeit zu einem inneren Thema, nicht als Gedanke, sondern als unmittelbare Präsenz.

Trotzdem – oder gerade deshalb – trug ihn etwas, das er bis heute als essenziell beschreibt: der Drang, hinter die Dinge zu schauen. Nicht nur zu wissen, was geschieht, sondern zu verstehen, wie das Unsichtbare wirkt.

Als Jugendlicher hatte er eine naive kindliche Gläubigkeit, die sich mit dreizehn in Skepsis verwandelte – und später sogar in eine scharfe Religionsfeindlichkeit. Er verlegte seine Suche in Experimente und Denken: Im Keller seiner Mutter baute er ein eigenes Chemielabor, arbeitete für Kolben und Chemikalien, und versuchte sich an Welt-Modellen, als wäre Erkenntnis etwas, das man nachbauen kann – bis hin zu waghalsigen Atmosphären-Mischungen, die „Jupiter“ spielen sollten. Dieses Zuviel – zu schnell, zu laut, zu intelligent, zu früh im Urteil – begleitete ihn durch sein Leben. Es war Antrieb und Schmerz zugleich. Verantwortung übernahm er sofort. Und oft bekam er sie von anderen aufgedrängt – bis diese sich später beklagten, er bestimme alles.

Sein Grundmotiv war nie „Karriere“. Es war verstehen. Ein faustisches Motiv, wie ein Trauzeuge es einmal kurz vor der Hochzeit seiner späteren Frau Anette ins Ohr raunte: „Das ist eine faustische Natur.“ Friðhu nickt heute innerlich: Ja. Er wollte wissen, was Leben ist – und was im Menschen bleibt, wenn der Körper stirbt.

Eigentlich wollte er mit 18 Psychotherapeut werden. Dass er Medizin studierte, begann aus einer Mischung aus jugendlicher Bequemlichkeit und äußerem Druck: Er wollte nicht zur Bundeswehr und keinen Ersatzdienst leisten – und seine Eltern drängten ihn Richtung Medizin, weil ihnen „Psychotherapie“ unheimlich war. Ironischerweise war er dafür zunächst denkbar ungeeignet: Mit einer Angst-Panik-Erkrankung, die ihn sogar beim Blutabnehmen umfallen ließ.

Und doch geschah etwas, das sein Leben prägen sollte: Er lernte, Angst nicht als Grenze zu akzeptieren, sondern als Material. Zehn Jahre später war das derselbe Mensch, der bis zu den Oberarmen im Blut in einem offenen Bauch operierte – fokussiert, schnell, und mit einer Gelassenheit, die nicht aus Abgebrühtheit kam, sondern aus innerer Disziplin. Er hatte den Eindruck: Er wurde so gut, weil er lernen musste, genau dort handlungsfähig zu sein, wo ihn Angst eigentlich hätte überwältigen müssen.

Seine Angsterkrankung überwand er erst Ende dreißig – nach vielen gescheiterten Therapien, Kursen und Techniken, die ihm nichts brachten. In tiefer Verzweiflung fand er einen Ausweg, der nicht „von außen“ kam: durch eigenes Meditieren. Nicht als Flucht, sondern als Praxis.

Im Studium selbst hatte er keinen Moment von „So will ich kein Arzt sein“ – aus einem einfachen Grund: Er rechnete nicht damit, überhaupt Arzt zu werden. Medizin fiel ihm leicht, erschien ihm oft wie ein Auswendiglernen; er besuchte daneben Vorlesungen in Physik, Kunstgeschichte und Philosophie, zeichnete und malte an der Universität Bochum, und studierte früh existenzielle Texte. Ein Schlüsselbuch war Erwin Schrödingers „Was ist Leben?“. Philosophie war keine Zierde, sondern Lebensnerv.

Entscheidend wurde ein Gynäkologe, der ihn als jungen Arzt „abfing“ und etwas in ihm erkannte: die Fähigkeit zu operieren. Friðhu folgte diesem Ruf – und wurde entgegen seiner ursprünglichen Absicht zwei Jahrzehnte lang Gynäkologe, später leitender Oberarzt und schließlich ärztlicher Direktor einer Frauenklinik.

Gerade das Schwierige zog ihn an: Krebsoperationen, komplizierte Geburten, Situationen, in denen andere nervös werden.

Er erlebte früh, wie man nicht Arzt sein darf: aufgeregt, hektisch, ohne Rapport.

Sein eigener Grundsatz wurde radikal: Zuerst Verbindung, dann Handlung.

Er konnte reanimieren, während neben ihm eine Mutter lag, ohne dass sie die Dramatik spürte – und gab ihr das Kind zurück, ohne die Notsituation zu benennen, um das Bonding nicht zu gefährden.

Von Titeln hielt er wenig. Positionen interessierten ihn nicht. Autoritäten behandelte er respektlos, wenn sie leere Macht verkörperten. Das brachte ihm Feindschaften ein – aber auch Freiheit: Er vertrat stets, was ihn in dem Moment „wahrhaftig trug“.

Eine seiner tiefsten beruflichen Prägungen entstand aus einer ungewöhnlichen Aufgabe: Er betreute über viele Jahre Krebspatientinnen langfristig nach.

Dadurch sah er, wie schlecht Prognosen die Wirklichkeit treffen.

Statistik ist nicht Leben. Manche starben früher als erwartet.

Und es gab diesen Long Tail: Menschen, die „eigentlich“ längst nicht mehr leben dürften und doch lebten. Er suchte nach dem gemeinsamen Faktor – Ernährung, Therapien, Zufälle – und fand keinen, der sich sauber isolieren ließ. Genau das führte ihn zu einer radikalen Wende: Er begann zu vermuten, dass das Entscheidende nicht im Protokoll liegt, sondern im Menschen selbst – genauer: in der fixierten Persönlichkeit, in den Abwehrmustern, in konditionierten Reaktivitäten. Wenn diese „Person“ nicht stirbt, so seine Beobachtung, stirbt oft der Körper. Wenn sie sich verändert, öffnen sich Räume, die Medizin allein nicht erklären kann.

In den Jahren als Klinikleiter kosteten ihn vor allem die administrativen Pflichten und später die Übernahme durch einen profitorientierten Konzern, der in ärztliche Freiheit eingriff. Er war wirtschaftlich erfolgreich, aber das Klima wurde bedrückend. Und um die Mitte vierzig kam der Punkt, an dem er spürte: Wenn ich so weitermache, verliere ich etwas Wesentliches. Er stand in einer Falle: Ausstieg erschien möglich, aber sinnlos – als niedergelassener Arzt „Schmerzensgeld verdienen“; als Lektor; als irgendetwas. Dann entstand eine Idee, die später sein Lebensprojekt werden sollte: biografisch arbeiten.

Zunächst dachte er an einen Ort, „wo es im November abends noch hell ist“, an ein ehemaliges Kloster, einen Licht-Raum für Menschen aus dem deutschsprachigen Raum – ein Umfeld, in dem nach den medizinischen Basisverfahren Prozesse möglich werden, die wirklich Wandlung bewirken. Der Fokus weitete sich später über Krebspatienten hinaus auf biografische und Beziehungskrisen, Depression, Burnout und Trauma-Transformation.

Seit 2000 prägte ihn die Salutogenese – die Frage, wie Gesundheit entsteht, statt nur Krankheit zu reparieren. „Machbarkeitswahn“ ist für ihn die größte Illusion der modernen Medizin: als könne ein Arzt Gesundheit machen. Im besten Fall, sagt er, steht man der Gesundung nicht im Weg – außer in Traumatologie und Geburtshilfe, wo Notfallhilfe häufig lebensrettend  sein kann.

Das Eigentliche aber sei Environment: Bedingungen schaffen, in denen Leben von selbst heilen kann. Dafür, so sein Anspruch, braucht es nicht Esoterik, sondern eine neue Wissenschaftstheorie, die Komplexität ernst nimmt.

Aus seiner Not heraus entwickelte er eigene Methoden: einen besonderen Umgang mit dem Atem, eine präfrontale Praxis der Selbststeuerung, CardioCeption (Wahrnehmung der Herztätigkeit als Zugang zur Selbstregulation), Anafonesis (die Stimme aus leidvollem Ausdruck in klingende Helligkeit heben) und Neurogenic Isometrics – eine Methode, die neurogenes Zittern und tiefe Entladung über isometrische Spannung und sorgfältiges Loslassen ermöglicht. Er fand Namen erst nach der Wirkung: machen, beobachten, sehen, dass es wirkt – dann benennen, so präzise wie möglich.

Meditation versteht Friðhu nicht als Flucht, sondern als Konfrontation mit der Wirklichkeit. Stille Meditation hält er für die meisten Menschen für Überforderung; geschriebene Meditation für oft kontraproduktiv, weil sie das Gedankenkreisen füttert. Er spricht Meditationen, weil Stimme Menschen beschäftigen kann, bis nebenbei Stille entsteht. Bevor er morgens spricht, „setzt er sich hin und wartet“. Und dann hört er jemanden reden. Er behauptet: Er rede nicht. Er hört zu.

In Beziehungen sieht er die wichtigste Schulung: Nichts greift so tief in Evolution ein wie eine lange Partnerschaft. Irritationen werden schneller, tiefer, niedriger schwellig – und genau daran lernt man, die Konditionierung zu erkennen und Antwort statt Reaktion zu wählen. Teamarbeit in Therapie hält er für gefährlich, weil Teams zu Schwarmdummheit neigen; er glaubt an Crews: selbstverantwortliche Menschen mit gemeinsamem Ziel.

Die zweite Gestalt, Friðhu, tauchte innerlich sehr früh auf: mit dreizehn als Wunsch nach Friedenzuerst gigantomanisch, später bescheidener.

Friðhu bedeutet für ihn nicht „Ich bin der Frieden“, sondern „Ich diene dem Frieden“: eine Beugung, eine Ausrichtung

Was Friðhu sagen darf, was „Dr. Hemmerich“ nicht sagen konnte:

Dinge ohne Absicherung durch den Apparat.

Nicht als Lehre.
Nicht als Guru-Anspruch.
Eher als Hypothese:
Lebe einmal so, und schau, ob sich dein 99,9-Prozent-Überleben in ein Entwicklungsleben verwandelt.

Woran erkennt er echte Wandlung? Nicht an Worten, sondern an fünf Kriterien: Wärme im Inneren bei gleichzeitiger stimmiger Anpassung nach außen; Regenerationsfähigkeit trotz „Vergiftung“ durch Reize; ein Gefühl von Auftrieb, das Schwere aufhebt wie das Gehirn im Liquor schwebt; eine spürbare Fähigkeit zur Reinigung und Abgrenzung ohne Härte; und schließlich die Erfahrung, den eigenen Gestaltzusammenhang selbst schaffen zu können – nicht Objekt von Biografie, Genetik oder Soziologie zu sein, sondern ein selbstbestimmtes werdendes Wesen.

Sein härtester Satz ist zugleich sein schlichtester: Wir sind sterblich. Ohne diese Wahrheit gibt es keine Entwicklung.

Und sein eigenes Glück beschreibt er salutogenetisch:

Nicht gegen andere gewinnen – sondern als Werdender gegen den Gewordenen.

Nicht Selbstoptimierung, sondern Evolution.

Wenn man ihn fragt, was bleiben soll, sagt er: am liebsten keine Spuren. Menschen dürfen ihn gern vergessen. Aber wenn eine Stimme bleibt, die jemanden begleitet, wäre das schön. Das Konzept des „Hinterlassens“ hält er für lebensfeindlich. Was er dagegen klar benennt, ist sein bisheriger Weg:

Ein Weg des Dauerdimmens – um erträglich zu sein.
Friðhu wird damit aufhören.


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Und jetzt, liebe Biografiefreunde, jetzt nochmal eine kurze Wiederholung mit klarer dargestellten Daten und Fakten.

1954: Kindheit und Jugend

Friðhu wurde als Fritz Helmut Becker im Jahr 1954 geboren und studierte Humanmedizin und Philosophie in Bochum und Essen.

Ab 1979: Arzt mit 12000+ Geburtsbegleitungen

Sein Medizinstudium schloss er 1979 an der Medizinischen Fakultät der Universität Essen ab. 1987 promovierte er an der Ruhr-Universität Bochum, Institut für Medizinische Psychologie, mit einer Dissertation über medizinische Problemlösungsstrategien.

Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin sowie für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Zehn Jahre lang war er als leitender Oberarzt an einem akademischen Lehrkrankenhaus tätig, anschließend weitere zehn Jahre als ärztlicher Direktor einer Frauenklinik.

Ab 2000: Salutogenese mit 7000+ Patienten

Seit dem Jahr 2000 widmet sich Dr. Hemmerich konsequent der Salutogenese – der Wissenschaft von der Entstehung von Gesundheit, nicht der Reparatur von Krankheit.

Er gründete und leitet zwei Zentren für Salutogenese:

  • eines 2007 auf Teneriffa und 
  • eines 2020 in Alhama de Granada in Andalusien

Sein klinischer Schwerpunkt liegt in der Behandlung von

  • Depressionen,
  • Burnout,
  • biografischen und Beziehungskrisen,
  • Traumatransformation, sowie
  • systemischer Familientherapie

Sein therapeutischer Ansatz verbindet schulmedizinische Grundlagen mit Traumatherapie, ACT (Acceptance and Commitment Therapy), Focusing, Hakomi und Somatic Experiencing.

Dr. Hemmerich entwickelte mehrere eigene therapeutische Methoden, darunter

  • TRIASact (eine Integration aus systemischer Aufstellungsarbeit,
  • ACT und Immunity to Change),
  • Neurogenic Isometrics, 
  • Anafonesis, 
  • CardioCeption sowie
  • NeuroCeption CTI.

 

2018: AlltagsMeditation

Seit 2018 betreibt er AlltagsMeditation, einen täglichen Online-Meditationsdienst, bei dem Abonnentinnen und Abonnenten jeden Morgen frisch gesprochene Meditationen erhalten.

Bereits seit 2007 hält er tägliche gesprochene Meditationen und verfasste dabei an jedem Werktag originale, frei zugängliche Texte mit jeweils über 2.000 Wörtern.

 

15+ Bücher

Friðhu ist Autor von über 15 Büchern zu den Themen Salutogenese, Traumatherapie, Strukturarbeit und Philosophie.

 

Vorträge & Seminare

Zudem hält er zahlreiche Vorträge und leitet regelmäßig Seminare in Spanien, der Schweiz und Deutschland.

 

Familie

Fritz Hemmerich ist seit über drei Jahrzehnten mit Annette Hemmerich verheiratet.

Gemeinsam schufen sie den Raum, in dem vier Kinder aufwachsen konnten. 

 

Teamwork

In ihrer gemeinsamen therapeutischen Arbeit erlebten sie immer wieder tiefgreifende Wandlungsprozesse - dann, wenn Menschen bereit waren, sich selbst in den Mittelpunkt ihres Weges zu stellen und das aus der Vergangenheit Verfestigte weiterzutragen und zu verwandeln.

 

2025: Friðhu am Horizont

Das Jahr 2025 war ein Kristallisationspunkt der Kreativität und Friðhu wurden geboren - der vereinende Name für die gesammelten Lehren von Dr. Hemmerich.

Friðhu der Freigeist und Dr. Hemmerich der Wissenschaftler - zwei Seiten der selben Medaille.

In ihrer Einmaligkeit strahlt diese Kombination eine einzigartige Anziehungskraft auf viele Suchende aus und hilft jeden Tag bei bewussten Entscheidungen:

Willkommen auf dem Weg zum GerneLeben mit Friðhu.

 

2026: Friðhu

Das Jahr 2026 ist stark gestartet und eine Vielzahl neuer Veröffentlichungen von Friðhu bereichert die Welt:

  • tägliche Meditationen
  • neue Bücher von Friðhu für Erwachsene und Kinder, und
  • wissenschaftliche Arbeiten.

Unser Ziel für 2026:
Friðhus Anleitungen zum GerneLeben allen Menschen einfach zugänglich machen.
Für jeden im passenden Format.
Von der Meditation zum Audio, zum Blog, zum Buch, zum Video, zum Live-Seminar.
Von Friðhu zu dir.

Von Friðhu bekommst du wissenschaftlich fundiertes Denken kombiniert mit der Freude des Freigeistes.


Erdung, Erkenntnis, Extase.

Zufriedenheit & Zuversicht.

Das wünsche ich dir!

Dein Friðhu