Chronic Fatigue Syndrome: Der neue Ansatz von Dr. Hemmerich im Überblick
Ahoi Reisende!
Friðhu hat Weihnachten 2025 eine neue, wissenschaftliche Arbeit rund um chronische Erschöpfung und Regenerationsprobleme publiziert.
Super spannend.
Aber ich bin kein Wissenschaftler.
Ich brauchte also eine einfache Version des Papers.
Ich bin John und studiere aktuell Leben, Werke und Denken von Friðhu.
Friðhu und Dr. Hemmerich sind ein und die selbe Person, dennoch gibt es einen himmelweiten Unterschied zwischen den gesprochenen Morgenmeditationen von Friðhu und einer wissenschaftlichen Arbeit von Dr. med. Fritz Helmut Hemmerich.
Die Morgenmeditation verstehe ich sofort, von Mensch zu Mensch, das wirkt direkt.
Aber ein wissenschaftliches Paper lesen?
Für Wissenschaftler und Ärzte normale Gewohnheit, für mich eher ungewohnt.
Ich selbst bin kein Wissenschaftler, aber neugieriger Selbstlerner. Und für mich ist Friðhu einfach Fritz, und Fritz einfach Friðhu. Mir gefällt Friðhu viel besser. Neu. Frisch. Anders. Friðhu. Also, für die Fachwelt Dr. Hemmerich, für mich einfach Friðhu.
In meinem einfachen Versuch eines einfachen Blogartikels teile ich mit Neugierigen mein aktuelles Verständnis des frischen Friðhu-Papers.
Hier geht es zur Originalquelle und Erstveröffentlichung des Manuskripts auf Preprints.org.
Auf geht's! Im neuen Manuskript von Dr. Hemmerich geht es um ein neues Verständnis von ME/CFS!
ME/CFS? Das ist doch das Ding mit der chronischen Müdigkeit, oder?
Ja.
Aber der Begriff ist tatsächlich denkbar unglücklich gewählt.
Er suggeriert irgendwie "schläfriges Schlaffi-Syndrom", anstatt die Krankheit Ernst zu nehmen. Wie so oft in der Medizingeschichte passen die ursprünglichen, alten Namen für ehemals unbekannte Phänomene heute nicht mehr zu unseren neuesten Erkenntnissen. Aber die alten Namen halten sich:
Chronisches Erschöpfungs-Syndrom?
Nun, ich bin nicht der Arzt, nur der Blogger, aber als ebendieser stört mich die massive Begriffsunschärfe extrem. Ich will schließlich mit jedem Wort Klarheit erzeugen, und nicht die Verwirrung mehren.
Schauen wir uns also mal an wie Friðhu das im Wissenschaftsmodus des Dr. Hemmerich ausdrückt. Hier der offizielle Titel des Papers:
"The Locus Coeruleus Norepinephrine Depletion Hypothesis of ME/CFS: A Mechanistic Model with Testable Predictions and Multimodal Study Plans (Protocol Framework)"
😅
Damit wäre ich dann auch schon raus.
Kann das mal jemand in verständliches Deutsch übersetzen?
Ich frage mal eine von diesen künstlichen Intelligenzen...
...und tatsächlich liefert sie was:
Systemische Regenerationsstörung.
Das erscheint mir persönlich sofort einleuchtender:
Das Regenerationssystem ist kaputt.
Die Batterie läuft immer auf 5% und jede Belastung zieht sie direkt unter Null runter.
Die Batterie lädt aber auch nicht mehr richtig nach.
Sie ist nicht komplett kaputt, aber nah dran.
Das verstehe ich schon besser.
Bei chronischer Müdigkeit, chronischer Erschöpung und chronischer Belastungsintoleranz ruft die Leistungsgesellschaft im Hinterkopf gleich laut:
Chronische Faulheit!
Dabei könnte es gegenteiliger kaum sein.
Oft sind es gerade gesellschaftliche High-Performer, die irgendwann von ME / CFS erwischt werden.
Und für diese Menschen sucht und findet Friðhu stets neue Antworten.
Nach über 12.000 Geburtsbegleitungen und über 7.000 Patienten in der Salutogenese, sucht und findet Friðhu immer neue Bausteine des "GerneLebens" und trägt sie für uns zusammen.
Für die einen als wissenschaftlicher Artikel, für die anderen als kurzes Video auf Instagram und Youtube, oder als Blogartikel direkt hier auf Fridhu.com.
Es folgt ein fröhlicher Rundflug im Promise-Punching-Format: ein Versprechen, eine Antwort. Immer schön im Wechsel. So lässt sich der komplexe Inhalt Schritt für Schritt entspannt erschließen. Auf geht's!
ME/CFS neu erklärt: Nicht müde, sondern fehlgesteuert
Du willst wissen, was an diesem Paper wirklich neu ist?
Es erklärt ME/CFS nicht als Müdigkeit, sondern als chronische Störung des Stress- und Regenerationssystems im Gehirn.
Du willst wissen, welches System genau gemeint ist?
Ein kleines Steuerzentrum im Hirnstamm, das Wachheit, Stress, Energie, Kreislauf und Aufmerksamkeit koordiniert.
Du willst wissen, was dort schiefläuft?
Dieses System wird über Jahre überbeansprucht und verliert dabei seine wichtigste Ressource: Noradrenalin.
Du willst wissen, warum das so gravierend ist?
Ohne ausreichend Noradrenalin kann der Körper nach Belastung nicht mehr richtig regenerieren.
Du willst wissen, warum Belastung krank macht?
Weil jede Anstrengung ein System trifft, das schon leer ist, und es weiter entleert.
Du willst wissen, warum Sport, Training und „Aktivierung“ schaden können?
Weil sie das falsche System weiter antreiben, statt es zu stabilisieren.
Du willst wissen, warum Schlaf nicht erholt?
Weil das Gehirn nicht mehr sauber vom Aktiv- in den Regenerationsmodus umschaltet.
Du willst wissen, warum sich ME/CFS so paradox anfühlt?
Weil Betroffene gleichzeitig unter Strom und ohne Energie sind.
Du willst wissen, warum ein Virus oft der Auslöser ist, aber nicht die Ursache?
Weil das System vorher schon fragil war, und der Infekt es endgültig kippt.
Du willst wissen, warum das Ganze testbar ist?
Weil diese Hypothese konkrete, messbare Vorhersagen macht - im Gehirn, im autonomen Nervensystem, im Stoffwechsel.
Was das Paper wirklich sagt - ohne Fachsprache
ME/CFS ist kein Müdigkeitsproblem.
Es ist ein Regenerationsproblem.
Nicht die Batterie ist leer.
Die Batterie lädt nicht mehr richtig.
Nicht der Wille fehlt.
Das Steuerungssystem ist fehlkalibriert.
Nicht Schonung heilt.
Falsche Belastung verschlimmert.
Das neue Modell in einfachen Worten
Dieses Paper beschreibt ME/CFS als chronischen „Wired-but-tired“-Zustand.
Das Nervensystem bleibt auf Alarm, obwohl die Energie fehlt.
Der zentrale Akteur ist das Noradrenalin-System.
Es sorgt normalerweise dafür, dass wir wach werden, Leistung bringen – und danach wieder herunterfahren.
Bei ME/CFS funktioniert genau dieser Wechsel nicht mehr.
Aktivierung bleibt hängen, Regeneration kommt nicht hinterher.
Über Jahre entsteht so ein Defizit.
Nicht plötzlich, sondern schleichend.
Dann kommt ein Trigger.
Ein Virus, eine Infektion, ein massiver Stressor.
Und das System findet nicht mehr zurück.
ME/CFS wird chronisch.
Warum das viele Symptome gleichzeitig erklärt
Warum PEM?
Weil Belastung ein System trifft, das keine Reserven mehr hat.
Warum Brain Fog?
Weil Noradrenalin auch Aufmerksamkeit und Klarheit steuert.
Warum Schlaf nicht hilft?
Weil Regeneration neurobiologisch blockiert ist.
Warum Kreislaufprobleme?
Weil Noradrenalin zentral für Blutdruck- und Lageanpassung ist.
Warum dieses „Ich will, aber ich kann nicht“?
Weil Motivation und Energie im Gehirn auseinanderfallen.
Warum der Name „chronische Müdigkeit“ falsch ist
Müdigkeit ist ein Gefühl.
ME/CFS ist ein Systemzustand.
Müdigkeit verschwindet durch Schlaf.
ME/CFS nicht.
Müdigkeit lädt sich auf.
ME/CFS reagiert auf Belastung mit Absturz.
Der bessere Begriff wäre:
Chronische Belastungsintoleranz mit Regenerationsversagen.
Oder kürzer:
Systemische Regenerationsstörung.
Warum dieses Paper wichtig ist
Es verschiebt die Schuldfrage.
Weg von Moral, Willen und Psyche – hin zu Biologie und Regulation.
Es verbindet viele Puzzleteile.
Stress, Infektion, Energie, Nervensystem, Symptome.
Es ist kein Heilversprechen.
Aber ein präziseres Erklärungsmodell.
Und es ist überprüfbar.
Das ist entscheidend.
Hauptsymptome von ME/CFS
1. Post-Exertionelle Malaise (PEM)
-
Das Leitsymptom von ME/CFS
-
Bedeutet: selbst nach geringen Anstrengungen (z. B. Spaziergang, Konzentrationsarbeit) verschlechtern sich Symptome stark
-
Diese Verschlechterung kann tage bis wochenlang andauern oder sich dauerhaft auswirken
2. Schwere Fatigue
-
Tiefe körperliche und geistige Erschöpfung
-
Nicht ausreichend durch Schlaf oder Ruhe verbesserbar
3. Kognitive Probleme („Brain Fog“)
-
Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
-
Verlangsamtes Denken oder Schwierigkeiten, klare Gedanken zu fassen
4. Schlafstörungen
-
Nicht-erholsamer Schlaf, Schlafunterbrechungen
5. Weitere Beschwerden
-
Schmerzen (Muskel-, Gelenk-, Kopfschmerzen)
-
Kreislaufprobleme (z. B. Schwindel beim Aufstehen)
-
Infektgefühl oder verlängerte Infektsymptome
Erwischt ME/CFS "die Falschen"?
Oft sind es gerade leistungsbereite, wache, sensible, verantwortungsvolle Menschen, die irgendwann von ME/CFS erwischt werden. Menschen, die lange funktioniert haben. Die durchgezogen haben. Die viel gegeben haben, für andere, für Projekte, für Ideen, für ein „richtiges Leben“.
Und genau deshalb ist der Name so fatal.
Denn er lenkt den Blick weg vom eigentlichen Problem.
Es geht nicht um Müdigkeit.
Es geht nicht um Faulheit.
Es geht nicht um mangelnden Willen.
Es geht um ein Systemversagen der Regeneration.
Der Körper kann nach Belastung nicht mehr sauber zurück in den Ruhezustand.
Er bleibt „an“.
Oder schlimmer: Er bleibt leer.
Das erklärt auch dieses paradoxe Gefühl, das viele Betroffene beschreiben:
- gleichzeitig überreizt und erschöpft,
- gleichzeitig wach und kraftlos,
- gleichzeitig willig und unfähig.
Genau hier setzt das Paper von Friðhu an.
Es versucht, einen Mechanismus zu beschreiben, der dieses Phänomen erklärbar macht, nicht moralisch, nicht psychologisch, sondern biologisch und systemisch.
Kein simples „du bist müde“,
sondern ein Modell, das sagt:
Das Regenerations- und Stresssystem ist aus dem Gleichgewicht geraten und findet nicht mehr zurück.
Für mich als Nicht-Wissenschaftler war genau das der Aha-Moment.
Plötzlich ergibt vieles Sinn:
-
warum Schlaf nicht erholt
-
warum kleine Belastungen große Rückschläge auslösen
-
warum „sich zusammenreißen“ die Lage verschlechtert
-
warum klassische Leistungslogik hier komplett versagt
Und vielleicht auch, warum so viele Betroffene jahrelang missverstanden werden.
Friðhu sucht seit Jahrzehnten genau an diesen Übergängen:
-
zwischen Körper und Psyche,
-
zwischen Biografie und Biologie,
-
zwischen Stress und Sinn.
Nach der Arbeit mit tausenden Menschen in der Salutogenese geht es ihm nie um Schuld, sondern um Verstehen.
Nie um Etiketten, sondern um Zusammenhänge.
Nie um Pathologie allein, sondern um das, was er „GerneLeben“ nennt.
Dieses Paper ist ein weiterer Baustein davon. Für die einen eine wissenschaftliche Hypothese mit messbaren Vorhersagen, für die anderen einfach ein neuer Denkansatz, der entlastet.
Und für mich als Blogger eine Einladung, noch genauer hinzuschauen, und bessere Worte zu finden für das, was Friðhus wissenschaftliche Arbeiten für uns im Alltag bedeuten.
Wenn du einfach nur verstehen wolltest, warum „chronische Müdigkeit“ nicht reicht um ME/CFS zu beschreiben, dann hoffe ich, dass dir diese Kurzversion geholfen hat.
Wenn du tiefer einsteigen willst, findest du hier die Originalveröffentlichung auf Preprints.org.
Hast du noch Luft?
Dann gehen wir noch in die Dritte Runde, und umkreisen das Thema nochmal aus leicht anderem Blickwinkel:
Aufgedreht und doch erschöpft: Ein neuer Blick auf die biologischen Wurzeln von ME/CFS
Mehr als nur „müde“
Wer an Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) leidet, kennt das zermürbende Gefühl nur zu gut: eine tiefe, lähmende Erschöpfung, die sich durch Schlaf nicht bessert, und gleichzeitig eine innere Unruhe, Anspannung und Überreiztheit. Dieses Paradoxon, oft als „aufgedreht und müde“ (wired but tired) beschrieben, ist für Betroffene, Angehörige und sogar viele Ärzte ein Rätsel. Man fühlt sich, als würde der Motor des Körpers mit Höchstdrehzahl laufen, während der Tank komplett leer ist.
Lange Zeit wurde dieses Gefühl als rein psychologisch abgetan. Doch was, wenn es eine konkrete, biologische Wurzel tief im Gehirn hat? Eine neue wissenschaftliche Hypothese schlägt genau das vor: einen handfesten Mechanismus, der erklärt, wie Lebenserfahrungen die komplexe Maschinerie unseres Gehirn-Stress-Systems so verändern können, dass es in diesen Zustand des Zusammenbruchs gerät.
Dieser Artikel übersetzt die vier überraschendsten und folgenreichsten Erkenntnisse dieses neuen Modells in verständliche Sprache. Sie werfen ein völlig neues Licht darauf, was es bedeutet, chronisch krank zu sein, und verbinden die Punkte zwischen Kindheit, Biologie und der Entstehung von ME/CFS.
1. Das „Aufgedreht-und-Müde“-Paradoxon: Wenn das Alarmsystem des Gehirns feststeckt
Der Kern des Paradoxons ist, dass Patienten sich oft überwachsam und ängstlich fühlen („aufgedreht“), aber gleichzeitig unter einer tiefen Erschöpfung leiden und nicht in der Lage sind, Aktivitäten aufrechtzuerhalten („müde“). Die neue Hypothese verortet den Ursprung dieses Zustands in einer winzigen, aber extrem mächtigen Region im Hirnstamm: dem Locus Coeruleus (LC). Man kann sich den LC als die zentrale „Alarm- und Wachheitszentrale“ des Gehirns vorstellen, die den größten Teil des Gehirns mit dem Neurotransmitter Noradrenalin (NE) versorgt.
Die Hypothese besagt, dass bei ME/CFS die Nervenzellen des LC in einem chronisch überaktiven Zustand gefangen sind. Sie feuern ständig mit einer hohen Rate – das ist der „aufgedrehte“ Teil. Das Problem ist jedoch, dass ihre Vesikel – die winzigen Bläschen, in denen das Noradrenalin gespeichert wird – durch diese Dauerbelastung erschöpft und leer sind.
Das Ergebnis ist ein Gehirn, dessen Motor ständig hochdreht, dessen Treibstofftank (Noradrenalin) aber leer ist. Dies führt zu einer hohen neuronalen Aktivität, aber einer unzureichenden Signalübertragung. Genau das könnte die biologische Grundlage für das Gefühl sein, gleichzeitig überstimuliert und völlig kraftlos zu sein. Doch dieser Zustand des überdrehten Motors und leeren Tanks hat eine weitere, verheerende Konsequenz, die eine der quälendsten Erfahrungen von ME/CFS-Patienten erklärt: den nicht erholsamen Schlaf.
2. Nicht erholsamer Schlaf: Wenn die Müllabfuhr des Gehirns ausfällt
Eines der frustrierendsten Hauptsymptome von ME/CFS ist der nicht erholsame Schlaf. Betroffene wachen oft auf und fühlen sich genauso erschöpft wie am Abend zuvor, egal wie lange sie geschlafen haben. Auch hierfür liefert das Modell eine plausible biologische Erklärung, die auf dem sogenannten glymphatischen System beruht.
Man kann sich das glymphatische System als die nächtliche „Müllabfuhr“ des Gehirns vorstellen. Während des Schlafs wäscht es Stoffwechselabfälle weg, die sich während des Tages angesammelt haben. Der entscheidende Punkt aus der Forschung ist: Dieses Reinigungssystem funktioniert nicht einfach nur, wenn der Locus Coeruleus (LC) ruhig ist. Es benötigt einen ganz bestimmten Rhythmus: Die effektivste Reinigung findet statt, wenn es im Tiefschlaf zu spezifischen Noradrenalin-Schwankungen kommt. Diese rhythmischen Oszillationen wirken wie eine Pumpe, die die Reinigungsflüssigkeit durch das Hirngewebe treibt.
Hier schließt sich der Kreis zum ersten Punkt: Da der LC im vorgeschlagenen Modell von ME/CFS in einem chronisch überaktiven, starren Zustand feststeckt, können diese entscheidenden rhythmischen Schwankungen nicht stattfinden. Die Pumpe der Müllabfuhr fällt aus. Die Folge ist eine Ansammlung von Stoffwechselabfällen im Gehirn, was eine überzeugende Erklärung dafür bietet, warum der Schlaf keine Erholung bringt. Ein System, dessen nächtlicher Reinigungsmechanismus lahmgelegt ist, ist naturgemäß auch anfälliger für den endgültigen Zusammenbruch.
3. Die Zwei-Schläge-Theorie: Wie der Stress der Vergangenheit den Weg für die Krankheit ebnet
ME/CFS scheint oft aus heiterem Himmel aufzutreten, typischerweise nach einer Infektion. Das neue Modell schlägt jedoch eine „Zwei-Schläge-Theorie“ vor, die erklärt, wie sich die Anfälligkeit für die Krankheit über lange Zeit aufbaut.
Schlag Nr. 1: Die langfristige Vorbereitung. Chronischer Stress, insbesondere durch belastende Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACEs), programmiert das Alarmsystem (den LC) über Jahre oder Jahrzehnte langsam in einen Zustand erhöhter Wachsamkeit. Dies schafft eine verborgene Schwachstelle und zehrt an den Energiereserven des Systems, selbst wenn die Person nach außen hin gut zu funktionieren scheint.
Schlag Nr. 2: Der akute Auslöser. Ein akutes Ereignis überwältigt das bereits geschwächte und verletzliche System. Dies ist meist eine Virusinfektion wie das Epstein-Barr-Virus oder SARS-CoV-2, kann aber auch eine größere Operation, ein körperliches Trauma, schwerer psychischer Stress oder eine Schwangerschaft/Geburt sein. Dieser „zweite Schlag“ ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und das System in den gefangenen Zustand von ME/CFS kollabieren lässt.
Diese Erkenntnis ist von großer Bedeutung: Sie stellt ME/CFS nicht als eine mysteriöse Krankheit dar, die nach einer Infektion aus dem Nichts auftaucht, sondern als den Zusammenbruch eines Systems, das schon lange vorher verwundbar gemacht wurde.
4. Das Echo der Ahnen: Wenn Trauma vererbt und nicht erlebt wird
Eine entscheidende Frage, die die Forschung aufwirft, ist: Was ist mit den 25–35 % der ME/CFS-Patienten, die über keine nennenswerten belastenden Kindheitserfahrungen berichten? Die Antwort des Modells ist ebenso überraschend wie tiefgreifend und führt uns an die vorderste Front der biologischen Forschung: die transgenerationale epigenetische Vererbung.
Hier ist wissenschaftliche Vorsicht geboten: Die epigenetische Vererbung zwischen Generationen beim Menschen ist ein aktives und umstrittenes Forschungsfeld. Die Beweise sind bisher vorwiegend assoziativ und nicht kausal. Dennoch bietet das Konzept eine biologisch plausible Erklärung. Die Kernidee: Die biologische Schwachstelle im Stress-System (dem LC) muss nicht aus der eigenen Kindheit stammen. Stress, den die Eltern oder sogar die Großeltern erlebt haben, könnte durch epigenetische Veränderungen weitergegeben werden. Diese Mechanismen könnten die Anfälligkeit bei ihren Nachkommen „programmieren“, zum Beispiel durch Veränderungen an den Spermien des Vaters in den Wochen vor der Zeugung oder durch die direkte Belastung der Keimzellen einer Großmutter während ihrer eigenen Entwicklung im Mutterleib.
Studien zum niederländischen Hungerwinter oder zu Nachkommen von Holocaust-Überlebenden zeigen, dass solche generationsübergreifenden Effekte prinzipiell möglich sind. Sie beweisen nicht, dass dies bei ME/CFS geschieht, aber sie untermauern die Plausibilität des Mechanismus. Es könnte also sein, dass die Anfälligkeit einer Person für eine chronische Krankheit mit den tiefgreifenden Erfahrungen ihrer Vorfahren zusammenhängt.
Ein neues Verständnis von chronischer Krankheit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Hypothese ME/CFS als einen biologischen Erschöpfungszustand des zentralen Stress-Systems im Gehirn beschreibt. Dieser Zustand wird durch langfristige Belastung vorbereitet und durch ein akutes Ereignis ausgelöst. Es ist wichtig zu betonen, dass dies eine vielversprechende Hypothese ist, die noch viel mehr Forschung erfordert und noch keine etablierte Tatsache darstellt.
Es ist entscheidend zu verstehen, dass dieses Modell keine unmittelbaren Behandlungsempfehlungen ableitet; sein Zweck ist es, die Forschung in eine neue, vielversprechende Richtung zu lenken. Dennoch eröffnet es eine neue Perspektive und wirft eine nachdenkliche Frage auf: Was könnte sich in der Medizin und für die Patienten ändern, wenn wir chronische Krankheiten nicht nur als ein gegenwärtiges Problem betrachten, sondern als eine Geschichte, die sich über Jahrzehnte – oder sogar Generationen – in unsere Biologie eingeschrieben hat?
Gratulation!
Du hast bis zum Ende gelesen.
Wenn du so viel im Internet lesen kannst und das Thema so spannend findest – wie wäre es dann mit dem passenden Buch?
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