Kurzer Einblick in die Meditationen der KW48
Die Woche beginnt mit einer berührenden Meditation über die Natur der Erinnerung an verstorbene Menschen und führt uns zu einem radikalen Verständnis unseres eigenen Seins.
Die Natur der Erinnerung und des Seins
Ausgehend von Douglas Hofstadters Werk über seine verstorbene Frau Carol erkundet die erste Meditation, was von einem Menschen bleibt. Hofstadter beschreibt Erinnerung als „seltsame Schleifen" in unseren Neuronen – Informationen über Namen, Aussehen, Stimme und Episoden, die allmählich verblassen und von anderen Erinnerungen übertönt werden. Doch diese mentalen Schleifen erfassen nur, wer der Mensch war, nicht wer er ist. Sie sind wie eine ägyptische Mumie, die langsam zerfällt.
Die Meditation führt uns zu einer tieferen Ebene der Wahrnehmung durch den Vitalgürtel –
jenen Raum zwischen Brustbeinspitze und Nabel, der nach oben bis zur Herzrückwand und
nach unten bis zur Steißbeinspitze reicht. In diesem Raum erleben wir nicht Erinnerungen,
sondern lebendige Präsenz. Hier ist der verstorbene Mensch weder männlich noch weiblich,
hat keinen Namen, kein Alter – er ist eine geschlechtslose, namenlose, alterslose Gegen-
wart. Diese Präsenz verdämmert nicht wie Erinnerungen, sondern ist in voller Frische da,
wenn sie da ist.
Der entscheidende Unterschied: Sein versus Existenz
Die zweite Meditation vertieft diese Unterscheidung. Existenz erfordert einen Ort und eine
Zeit – beides hat mit dem Tod geendet. Was in Sarg oder Urne liegt, ist nur ein Fußabdruck,
ein Ding. Doch das Menschenwesen ist – ohne Ort, ohne Zeit, als ubiquitäres Feld. Wenn
1wir fragen „Wer bin ich?", antworten nur Schleifen, die beschreiben, wer wir bisher waren.
Die meisten Menschen meinen im Laufe ihres Lebens immer besser zu wissen, wer sie sind
– und wissen doch nur, wer sie immer deutlicher bisher waren. Der Satz „Ich bin halt nun mal
so" ist der sprachliche Ausdruck dieser Verarmung und Verhärtung der Schleifen.
Hinter und unter diesen retrospektiven Schleifen lebt jedoch der Conatus – der Werdewille,
die Eigenmacht des Menschenwesens. Dieser tritt nur in Erscheinung, wenn das Gewordene
überwunden wird, wenn wir zu spielen beginnen oder Anfänger zu sein wagen. Liebe ereig-
net sich, wenn wir diesen Werdewillen eines anderen Menschen miterleben – nicht die
Überschneidung angenehmer Schleifen, die wir meist Liebe nennen, sondern das leibliche
Erfahren der Eigenmacht eines Wesens.
Das Dilemma: Neue Software auf alter Hardware
Die zentrale Metapher der Woche vergleicht unser mentales System mit Software und unse-
ren Körper mit Hardware. Jeder von uns will ständig neue Programme aufspielen – mehr
Selbstvertrauen, weniger Stress, mehr Klarheit, mehr Energie. Wir gehen zur Psychothera-
pie, bilden Vorsätze, gewinnen Einsichten. Doch was geschieht? Genau das, was passiert,
wenn wir auf einem Computer von 2000 oder einem Handy von 2007 das neueste Betriebs-
system installieren wollen – es stürzt ab.
Hier offenbart sich die überwältigende Intelligenz des Körpers. Anders als ein Computer, denmwir entsorgen müssten, verfügt unser Körper an fast jeder Stelle über Klasten (Abbauzellen)mund Blasten (Aufbauzellen). Im Gehirn heißen sie Mikroglia und Astrozyten, im Knochen Osteoklasten und Osteoblasten. Die einzige Ausnahme ist unser Zahnschmelz – die einzige Stelle, wo tatsächlich wie beim Computer der alte Zahn durch einen künstlichen ersetzt werden muss.
Die Intelligenz einer einzigen Körperzelle übersteigt die Intelligenz unseres mentalen Sys-
tems bei weitem. Während unser Bewusstsein vielleicht einen, maximal zwei Prozesse pro
Sekunde bewältigt, verarbeitet eine einzige Körperzelle 80.000 Prozesse in derselben Zeit.
Die Intelligenz unseres mentalen Systems verhält sich zur Körperintelligenz wie die Intelli-
genz einer Ameise zur Intelligenz des gesamten Universums.
Die Methode: Den Körper erschüttern
Doch wie geben wir dieser überwältigenden Intelligenz die Gelegenheit, die Hardware zu
erneuern? Nicht durch Überlastung – die verstärkt nur die alten retrospektiven Schleifen.
Sondern durch sanfte Erschütterung: ein feines Beben, ein Wärmepulsieren, ein langsames
schwebendes Zittern. Was wir aus unseren retrospektiven mentalen Schleifen als „Nervosi-
2tät" oder „Aufregung" interpretieren, sind in Wahrheit Einladungen an die Körperintelligenz, die Hardware zu erneuern.
Die Meditation lädt uns ein, aus dieser Erschütterung eine Methode zu machen, so zuverläs-
sig verankert wie Zähneputzen – vielleicht sogar viermal täglich als Hygiene für die Körperin-
telligenz.
Elliptisches Bewusstsein und der Vitalgürtelraum
Die dritte Meditation führt das Konzept des elliptischen Bewusstseins ein – ein Bewusstsein
mit zwei Brennpunkten: einer nach außen gerichtet und einer nach innen. Da der innere Fo-
kus bei uns allen so schwächlich und der äußere so übertrieben stark ist, üben wir die Auf-
merksamkeit nach innen. Wir werden dadurch nicht weltfremd – wir tragen die Höhle im Hi-
malaya und die Schwitzhütte in uns.
Im Zentrum steht die Arbeit mit dem Vitalgürtelraum und besonders mit dem Zwerchfell, dessen hintere Säulenmuskeln (die Crura diaphragmatica) meist verkrampft oder blockiert sind.
Diese Muskeln, die von den unteren Brustwirbelkörpern bis zur Lendenwirbelsäule ziehen,
sind zusammen mit dem Psoas hauptverantwortlich für die Rückenschmerzen von Millionen
Menschen. Der lahme und schmerzende Rücken ist ein Problem nicht gesunder Atmung.
Die Meditation lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die embryologische Herkunft dieser Mus-
keln: C3, C4, C5 – die mittleren Halswirbel. Dort entspringt auch der Zwerchfellnerv, der
Nervus phrenicus. Von dieser Stelle zwischen Halswirbelsäule und Kehlkopf wird das
Zwerchfell lebendig gehalten – fließend, elastisch, flexibel, warm, wohltonisiert. Wir müssen
erstaunlicherweise nichts machen, sondern vielmehr unsere Aufmerksamkeit dorthin lenken.
Die Überwindung der retrospektiven Schleifen
Die abschließende Meditation kehrt zur fundamentalen Frage zurück: Wer bin ich eigentlich?
Was wir entdecken, sind lauter Schleifen der Reaktivität, die in der sechsten Lebenswoche
begannen. Mit zweieinhalb oder drei Jahren begannen wir, diese retrospektiven Schleifen für
unsere Identität zu halten und sagten „Ich" dazu.
Doch irgendwann sind wir mit diesem reaktiven Ich nicht zufrieden. Wir mögen das Ich nicht,
das Angst hat, feige ist, ausweicht, aufschiebt. Unter diesen retrospektiven Schleifen aber
liegt ein machtvolles Wollen – ein Wollen nach Freiheit, ein Wollen, sich über die geworde-
nen Schleifen hinaus auszudehnen.
Hier liegt der Unterschied zwischen Mensch und Tier: Ein Löwe oder Wurm will sein Wesen
verwirklichen. Wir Menschen wollen unser Wesen erweitern. Die Woche lädt uns ein, den
Körper durch sanfte, regelmäßige Erschütterung die Hardware erneuern zu lassen, damit die
3neue Software tatsächlich ohne Abstürze laufen kann – und unser Werdewillen sich entfalten
darf.