Pacing — Herkunft, Bedeutung und klinische Reichweite eines missverstandenen Begriffs

Pacing — Herkunft, Bedeutung und klinische Reichweite eines missverstandenen Begriffs

Ein Teil der ME/CFS-Community reagiert auf die Verwendung von »Pacing« im allgemeinen Kontext mit scharfer Ablehnung. Diese Reaktion ist historisch verständlich: Jahrzehntelang wurde das Leiden dieser Menschen psychiatrisiert, bagatellisiert, wegerklärt. »Ich bin auch manchmal müde« ist der Satz, den Betroffene am meisten fürchten — weil er ihre spezifische Realität in der Allgemeinheit verschwinden lässt.

I. Der Ursprung: passus — der römische Schritt

Pacing beginnt nicht in einer Klinik. Es beginnt auf einer Römerstraße.

Das lateinische Wort passus bezeichnete den Doppelschritt — die vollständige Bewegung eines Beines vom Abheben bis zum erneuten Aufsetzen. Unter dem römischen Feldherrn Marcus Vipsanius Agrippa wurde der passus als Längenmaß standardisiert: zwei Einzelschritte, fünf römische Fuß, etwa 1,48 Meter. Eintausend passus ergaben die mille passuum — die Herkunft unseres Wortes »Meile«.

Der passus war also kein reines Längenmaß. Er war die Maßeinheit für das Verhältnis zwischen Körpereinsatz und zurückgelegter Strecke. Wer zu schnell marschierte, kam nicht ans Ziel — er kam gar nicht an. Das Militär wusste das. Die Legionen, die Europa durchquerten, waren keine Sprinter. Sie waren Meister des kalibrierten Tempos.

Aus passus wurde über das Altfranzösische pas das englische pace — und aus dem Verb to pace (»sein Tempo einteilen«, »gleichschreiten«) entstand pacing. Die Kernbedeutung ist über zweitausend Jahre stabil geblieben: das eigene Tempo an die momentanen Möglichkeiten anpassen, damit man das Ziel erreicht, ohne vorher zusammenzubrechen.

II. Pacing in der Sportwissenschaft: neurologische Selbstregulationskompetenz

Lange bevor der Begriff die Medizin erreichte, war Pacing ein zentrales Konzept der Leistungsphysiologie. Im Ausdauersport — beim Laufen, Schwimmen, Radfahren, Rudern — regulieren Athleten kontinuierlich ihre Leistung, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, ohne die Integrität des Organismus zu gefährden.

Die Sportwissenschaft kennt dabei verschiedene Pacing-Muster: gleichmäßiges Pacing (even pacing), positives Pacing (schneller Start, Verlangsamung), negatives Pacing (langsamer Start, Endspurt) und variables Pacing. Fortgeschrittene Athleten — und interessanterweise überproportional Frauen — zeigen häufiger ein gleichmäßigeres Pacing-Profil als unerfahrene Sportler. Das ist keine Frage der Disziplin, sondern der körperlichen Selbstwahrnehmung.

Das teleantizipatorische System

Der wichtigste Begriff aus der Leistungsphysiologie für unser Thema ist das teleantizipatorische System (teleoantizipatorisches System, englisch: teleoanticipatory system), zuerst von dem Physiologen Hans Ulmer modelliert.

Das Prinzip: Das Gehirn antizipiert den Endpunkt einer Belastung und reguliert das Tempo fortlaufend so, dass katastrophale Störungen der Homöostase vermieden werden — bevor sie eintreten. Es handelt sich um einen kontinuierlichen Regelkreis zwischen afferenten Signalen aus Muskeln, Organen und Sinnesorganen und efferenten Steuersignalen des Zentralnervensystems.

Pacing ist damit keine bewusste Rechenaufgabe. Es ist eine neurologische Selbstregulationskompetenz — eine zyklische, zielorientierte Entscheidungsarchitektur, in der jede Erfahrung die nächste Kalibrierung informiert. Motivation, Stimmung, Selbstwirksamkeit und Umgebungsfaktoren fließen in diesen Prozess ein. Der Organismus rechnet permanent — meist unterhalb der Bewusstseinsschwelle.

Das bedeutet: Pacing ist keine Technik, die man lernt wie einen Handgriff. Es ist eine Kompetenz, die man kultiviert — durch Erfahrung, durch Körperwahrnehmung, durch wiederholte Kalibrierung.

III. Pacing in der Schmerzmedizin: Fordyce und die operante Konditionierung

In die klinische Medizin gelangte Pacing 1976 durch den amerikanischen Verhaltensmediziner Wilbert E. Fordyce (Behavioral Methods for Chronic Pain and Illness, Mosby, St. Louis).

Fordyce beobachtete bei chronischen Schmerzpatienten ein charakteristisches Muster: Phasen relativer Inaktivität — aus Angst vor Schmerzverstärkung — wechselten mit Phasen der Überanstrengung, auf die zwangsläufig Einbrüche folgten. Dieser Kreislauf aus Unteraktivität und Überaktivität (activity-rest cycle, auch boom-bust-cycle) verschlechterte langfristig sowohl die Schmerzintensität als auch die Lebensqualität.

Fordyces Lösung war ein operantes Programm: Aktivitäten wurden nicht symptomkontingent (»so viel, wie ich gerade kann, wenn es gut geht«), sondern zeitkontingent und quotenkontingent geplant — in kleinen, vorher festgelegten Einheiten, mit strukturierten Pausen dazwischen. Das Ziel: den Organismus aus dem Reaktionsmodus in einen gestaltbaren Rhythmus zu führen.

Dieser Ansatz ist bis heute in der multimodalen Schmerztherapie verankert. Er gilt bei chronischen Rückenschmerzen, Arthritis, Fibromyalgie, Krebserschöpfung und anderen Erkrankungen mit Belastungsintoleranz als wirksame Managementstrategie.

IV. Pacing und ME/CFS: die Präzisierung eines Prinzips

1989 beschrieb die britische Gesundheitspsychologin Ellen Goudsmit Pacing als spezifische Strategie für das Management der Myalgischen Enzephalomyelitis / des Chronischen Fatigue-Syndroms (ME/CFS). Ihr Grundsatz: »Do as much as you can within your limits.«

Goudsmits Pacing-Begriff unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von Fordyces Ansatz: Während Fordyce eine schrittweise Steigerung des Aktivitätsniveaus anstrebte, geht es beim ME/CFS-Pacing primär um Energieerhalt und Schadensvermeidung — nicht um Steigerung.

Der Grund ist das Leitsymptom der Erkrankung: die Post-Exertionelle Malaise (PEM) — eine oft verzögert einsetzende, durch körperliche, geistige oder emotionale Anstrengung sowie durch sensorische Überreizung ausgelöste Zustandsverschlechterung, die das ursprüngliche Belastungsniveau weit überschreitet. PEM ist kein Muskelkater. Es ist eine systemische neuroimmunologische Reaktion, die Stunden bis Tage nach der auslösenden Aktivität einsetzen kann.

In diesem Kontext bedeutet Pacing:

  • die individuelle Belastungsgrenze (»Energiehülle«, energy envelope) zu kennen und einzuhalten
  • Aktivitäten körperlicher, geistiger und emotionaler Art — einschließlich sensorischer Reize wie Licht und Lärm — unterhalb dieser Schwelle zu halten
  • den Boom-Bust-Cycle zu unterbrechen: das Muster aus relativer Remission, Überschreitung der Belastungsgrenze und anschließendem Crash
  • den Anaerobieschwelle als physiologischen Orientierungspunkt zu nutzen (Herzratenmonitoring als praktisches Werkzeug)

2012 erschien ein internationales Konsensusdokument: Goudsmit EM, Nijs J, Jason LA, Wallman KE: Pacing as a strategy to improve energy management in myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome. Disability and Rehabilitation 34(13):1140–7. Es markiert die wissenschaftliche Institutionalisierung des Begriffs für dieses Krankheitsbild.

 

V. Pacing ist keine Exklusivdiagnose — es ist ein universelles Prinzip

Hier liegt das eigentliche Missverständnis, das in der öffentlichen Debatte immer wieder zu Reibungen führt.

Pacing ist kein Krankheitsmerkmal. Es ist eine biologische Grundkompetenz — das Anpassen des eigenen Tempos an die momentanen Möglichkeiten des Organismus in körperlicher, geistiger und emotionaler Hinsicht. Das teleantizipatorische System arbeitet in jedem Menschen, mit jeder Belastung, in jeder Lebensphase. Der Marathonläufer "paced" sich. Die Mutter eines Säuglings "paced" sich. Der Chirurg vor einer langen Operation "paced" sich. Oder er tut es nicht — und zahlt einen Preis.

Der Unterschied liegt nicht im Prinzip. Der Unterschied liegt in der Bedeutung und Dringlichkeit.

Für einen gesunden Menschen ist mangelhaftes Pacing unangenehm: Erschöpfung, Leistungsabfall, Reizbarkeit, schlechterer Schlaf. Für einen ME/CFS-Betroffenen ist mangelhaftes Pacing existenzbedrohend: Ein Crash kann Wochen dauern, die Erkrankung dauerhaft verschlimmern, soziale Teilhabe langfristig unmöglich machen. Das Bett, der zugezogene Rollo, die draußen vorbeiziehende Welt — das ist keine Metapher. Das ist die gelebte Realität.

Diese Hierarchie der Bedeutung muss explizit anerkannt werden — sie ist real und wichtig. Sie widerspricht aber nicht der universellen Gültigkeit des Prinzips. Im Gegenteil: Genau weil Pacing ein universelles Prinzip ist, lohnt es sich, es öffentlich zu lehren.

Wenn mehr Menschen in der Allgemeinbevölkerung verstehen, was es bedeutet, das eigene Tempo an den Zustand des Organismus anzupassen — wenn Partner, Familienmitglieder, Arbeitgeber und Behandler dieses Prinzip aus eigener Erfahrung kennen —, dann müssen ME/CFS-Betroffene weniger erklären, weniger rechtfertigen, weniger kämpfen. Das Verständnis wächst nicht durch Abgrenzung, sondern durch Erweiterung des gemeinsamen Bezugsrahmens.

Quellen

  • Goudsmit EM, Nijs J, Jason LA, Wallman KE (2012): Pacing as a strategy to improve energy management in myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome: a consensus document. Disability and Rehabilitation 34(13):1140–7. DOI: 10.3109/09638288.2011.635746
  • Fordyce WE (1976): Behavioral Methods for Chronic Pain and Illness. St. Louis: Mosby.
  • Ulmer HV (1996): Concept of an extracellular regulation of muscular metabolic rate during heavy exercise in humans by psychophysiological feedback. Experientia 52(5):416–20.
  • Menting SGP, Edwards AM, Hettinga FJ, Elferink-Gemser MT (2022): Pacing Behaviour Development and Acquisition: A Systematic Review. Sports Med Open 8:143. DOI: 10.1186/s40798-022-00540-w
  • Barakou I, Hackett KL, Finch T, Hettinga FJ (2023): Self-regulation of effort for a better health-related quality of life: a multidimensional activity pacing model for chronic pain and fatigue management. Ann Med 55(2):2270688. DOI: 10.1080/07853890.2023.2270688
  • Abbiss CR, Laursen PB (2008): Describing and Understanding Pacing Strategies during Athletic Competition. Sports Med 38(3):239–252.
  • Springer/German Journal of Exercise and Sport Research (2015): Potenzielle Einflussfaktoren auf Pacing im ausdauersportlichen Wettkampf.
  • Etymonline: pace — etymonline.com
  • Oxford English Dictionary: pace, n.¹