Wer ist und wofür steht Fri∂hu?

Fri∂hu | Dr. Hemmerich
Der Name
Der Name kam zuerst. Da war ein dreizehnjähriger Junge in Deutschland, der plötzlich wusste, was sein Leben tragen würde: dem Frieden zu dienen.
Es war keine bescheidene Erkenntnis. Heute nennt er sie selbst gigantomanisch – die Vision eines Kindes, das glaubte, mit telepathischen Kräften Kriege und Familienauseinandersetzungen befrieden zu können. Mehr als fünfzig Jahre später ist er bescheidener geworden: „Ich bin schon froh, wenn ich ein Paar, das sich ständig bekriegt, dazu bekomme, einen einzigen friedlichen, orientierten und dem Leben dienenden Abend zu haben."
Aber der Kern ist geblieben. "Friður", isländisch, ist der Friede. "Fri∂hu" ist der, der dem Frieden dient. Nicht "ich bin der Friede", sondern "dem Frieden". Das ist die erste Unterscheidung, die in diesem Mann zu lesen ist: Er definiert sich nicht über das, was er ist, sondern über das, dem er dient.
Das Kind
Fritz Helmut Becker wird 1954 geboren. Das Kind, das aus diesem Datum hervorgeht, ist von Anfang an unbequem – unglaublich neugierig, vielredend, anstrengend, mit Warum-Fragen, die alle in den Wahnsinn treiben. Es ist zugleich rehäugig und scheu und ein Draufgänger vom Typ Jaguar, der sich mit Kindern aus höheren Klassen anlegt, um auszuprobieren, ob man die auch noch niederringen kann. Das Ganze in einem ritterlichen Ton: Wenn der andere "Ich ergebe mich" sagt, ist sofort Schluss.
Bemerkenswert an diesem Kind ist eine ungewöhnliche Sensitivität für nonverbale Signale. Bis etwa zum neunten Lebensjahr nimmt es zwischen Erwachsenen Vorgänge wahr, die ihm selbst unheimlich sind. Es liest mikro-mimische und physiologische Parameter der Umgebung – Blickrichtungen, kleinste Spannungen in Gesichtern, Veränderungen in der Stimme, Körperhaltungen, Pupillenreaktionen –, ohne zu wissen, dass es das tut. Was Anderen von außen wie Hellsichtigkeit erscheint und seine Mutter erschreckt, ist eine extrem feine Auffassungsgabe für das, was zwischen Menschen abläuft. Diese Fähigkeit verschließt sich um das neunte oder zehnte Lebensjahr und bleibt unterirdisch wirksam: Sie wird später die Grundlage seiner therapeutischen Wahrnehmung – die Fähigkeit, in einem Raum zu spüren, was nicht gesagt wird, und in Aufstellungen wahrzunehmen, was die Anwesenden erleben, bevor sie es selbst aussprechen können. Sie ist außerhalb des beruflichen Rahmens die Bedingung einer ausgeprägten sozialen Scheu, die er zu übertünchen gelernt hat.
Der Bruch
Mit dreizehn passiert etwas, das keine gewöhnliche Pubertät ist. An seinem Geburtstag bricht – anlässlich einer heftigen Koffein-Überdosierung – die seit der Sensitivitäts-Unterdrückung schwelende Angst-Panik-Erkrankung aus, plötzlich, klar, unumkehrbar als Erfahrung. In dieselbe Zeit fällt der Tod des sehr geliebten Großvaters, den der Junge aus nächster Nähe miterlebt. Der alte Mann stirbt zuhause, und das Kind ist da, beobachtet, versteht nicht.
„Es war klar, dass er als Körper tot war, dass da aber auch noch eine Anwesenheit war, die nicht individuell oder persönlich ist. Also nicht so eine Kindergartenvorstellung wie eine menschliche Seele, die in den Himmel kommt, reinkarniert oder andere tröstende Geschichten."
Was der Dreizehnjährige in diesem Zimmer wahrnimmt, wird die zentrale Frage seines Lebens: Was ist diese Seinsform, die nicht stirbt und nie geboren wurde? Es bleibt eine Frage, keine Antwort. Er wird sie nicht in Lehren oder Glaubenssätze auflösen.
Heute hat er für diese Frage einen greifbaren Verdacht, der sich bisher nicht hat falsifizieren lassen — im Gegenteil: Er wird alltagspraktisch nutzbar. Er bezeichnet das, was nicht stirbt und nie geboren wurde, als einen Modus. Modus des einen Lebens, eines "Flow of Energy and Information". Erwin Schrödinger hat den Gedanken in "Mind and Matter" (1958) auf den schärfsten Punkt gebracht: "The total number of minds in the universe is one."
Die eiskalte Hand
Zwei Jahre später, mit fünfzehn, ist er allein im Haus des verstorbenen Großvaters, das renoviert werden soll. Er reißt mit Spitzhacke und Vorschlaghammer Wände ein, stundenlang, bis er erschöpft ist. Als er fertig ist, geht er ins Badezimmer. Der Maler hat den Lichtschalter offen gelassen, der Boden ist feucht, er hat nackte Füße. Der Strom fließt von der linken Hand durch den Körper zu den Füßen.
Was er als letztes erinnert: das Gefühl einer eiskalten Hand, die von hinten in seinen Nacken hineinfasst. Sofort verliert er das Bewusstsein. Seine spätere Vermutung ist, dass er starke Herzrhythmusstörungen hatte – die Strompassage von der linken Hand über das Herz in die Füße. Wie lange er dort liegt, weiß er nicht. Geschätzt nach dem Abendlicht müsste es über eine Stunde gewesen sein.
Es folgen anderthalb Jahre der Orientierungslosigkeit. Die Schulnoten werden schlechter: von herausragend zu gerade noch gut. Er ist, wie er sagt, "weg von der Spur".
Paul Barier
Der Mann, der ihn zurückholt, ist sein Griechischlehrer Paul Barier. Barier erkennt etwas in dem verstörten Jugendlichen und nimmt ihn privat mit – nicht zu Nachhilfestunden, sondern zu Vorträgen in der großen psychiatrischen Mittelpunkts-Klinik Klingenmünster. Dort hört der Junge Vorträge über das, was Menschen zerbrechen lässt und wie sie herausfinden. Wichtiger noch: Durch Bariers Beziehung zum Klinikchef darf er bei privaten Gesprächen der Psychiater nach den Vorträgen dabeisitzen. Er hört zu und versteht nicht alles, aber etwas legt sich in ihm an.
Dieser Komplex von fünf Jahren – beginnend mit dem Nahtoderlebnis, endend mit dem Abitur – legt eine Richtung an, die er selbst erst Jahrzehnte später wird benennen können: die Frage nach dem, was im Menschen nicht stirbt, die Wahrnehmung des Nonverbalen, die Faszination für die Innenwelt, in der die meisten Menschen leiden, ohne darüber sprechen zu können.
Das Stipendium und seine Auflösung
Unmittelbar nach dem Abitur wird er zur Auswahlprüfung der Studienstiftung des deutschen Volkes eingeladen. Drei Tage in Bonn-Bad Godesberg mit Tests, Gesprächen, Bewertungen. Am Ende ist er einer der wenigen, die das Stipendium erhalten.
Was dann geschieht, passt nicht in die übliche Erfolgsgeschichte: „Ich habe drei Semester lang nichts getan, um mich als Stipendiat zu beweisen, sondern habe die ziemlich hohe Summe Geld – etwa das Doppelte des BAföG – einfach in Alkohol umgesetzt und Party für alle gemacht." Die Studienstiftung wirft ihn hinaus.
Auf den ersten Blick ein Scheitern. Auf den zweiten Blick eine Weichenstellung. Er sieht das heute so: „Das hätte mich für ein akademisches Leben vorgezeichnet, in dem ich im akademischen Prekariat gelandet wäre – nicht finanziell, sondern in den Denkverboten und Fragenverboten, die es im Gegensatz zur vorgeblichen Ethik der Wissenschaft in den universitären Forschungsbereichen tatsächlich gibt." Der Rauswurf befreit ihn, einen Weg zu gehen, der nicht vorgezeichnet ist.
Der widerwillige Arzt
Mit achtzehn ist sein Plan klar: Psychotherapeut werden. Dass er stattdessen Medizin studiert, entsteht aus einer Mischung, die er selbst peinlich findet: Er will nicht zur Bundeswehr, will auch keinen Ersatzdienst leisten, und Medizin verschiebt das Problem lange genug. Hinzu kommt der Druck der Eltern, denen das "Psychotherapie-Geschäft" unheimlich ist.
Das Studium fällt ihm leicht. Zu leicht. „Ich hatte immer den Eindruck, das ist ein Studium für Leute, die lieber auswendig lernen als verstehen wollen." Daneben studiert er Physik, Kunstgeschichte, Philosophie, malt und zeichnet an der Universität Bochum, beschäftigt sich intensiv mit Künstlicher Intelligenz und lernt LISP, Prolog und Pascal. Ein Schlüsselbuch in dieser Zeit ist Erwin Schrödingers "Was ist Leben?". Er ist sicher, dass er nach dem Studium ohnehin Psychotherapeut wird.
Dann kommt Professor Gerbatsch. Der Gynäkologe sieht den jungen Arzt – damals vierundzwanzig, mit einer vor allen verborgenen Angststörung, die ihn beim Blutabnehmen umfallen lässt – und sagt ihm, er sehe eine besondere Begabung zum Operieren in seinen Händen. Er solle keinesfalls Psychotherapie machen, das sei Vergeudung dieser Gabe.
„Das hat mich als vierundzwanzigjährigen jungen Arzt unglaublich beeindruckt."
Er folgt. Die nächsten zwei Jahrzehnte ist er Gynäkologe – Assistenzarzt, mit siebenundzwanzig Oberarzt, von 1991 bis 2001 Chefarzt einer Frauenklinik. Der Mann, der beim Blutabnehmen umfiel, wird ein Operateur, der bis zu den Oberarmen im Bauch arbeitet, schnell, fokussiert, gelassen. Diese Gelassenheit kommt nicht aus Abgebrühtheit, sondern, wie er später vermutet, aus dem Umstand, dass er gezwungen war, dort handlungsfähig zu sein, wo die Angst ihn eigentlich hätte überwältigen müssen.
Rapport vor Reaktion
Ein Schlüsselmoment kommt früh. Hemmerich ist vierundzwanzig, der kleinste Assistent, zuständig für das Anreichen von Instrumenten und Spritzen. Ein Neugeborenes wird reanimiert. Er sieht die Aufregung seines Chefs und der Oberärztin, die hektischen Bewegungen, die Panik.
Er denkt: So darf man nicht Arzt sein. Ganz und gar nicht.
Was er in diesem Moment erkennt, wird zur Grundlage seiner gesamten weiteren Arbeit: Man muss zuerst Rapport herstellen – mit der Situation, mit dem Patienten, mit sich selbst –, egal, ob ein klinisch totes Kind vor einem liegt. Erst Rapport, dann handeln. In tiefster Gelassenheit, extrem schnell, sehr fokussiert. Der Muskeltonus ist nur für Mikromomente tonisch – dort, wo extrem schnelles und präzises Handeln notwendig ist – und ansonsten phasisch, wie bei einer schlafenden Katze.
Seine Reanimationsquote bei klinisch toten Neugeborenen ist auffällig hoch. Innerlich findet das in Zeitlupe statt. Er kann ein Kind neben der Mutter reanimieren, ohne dass sie etwas von der Notlage bemerkt, und es ihr danach zurückgeben, ohne die Dramatik zu benennen, damit das Bonding nicht gefährdet wird.
Die Langzeit-Überlebenden
Als junger Oberarzt – er ist neunundzwanzig – übernimmt er eine ungewöhnliche Aufgabe: die Zehn-Jahres-Nachbetreuung von Krebspatientinnen. Normalerweise gehen solche Patientinnen zu niedergelassenen Ärzten. Sein Chef besteht darauf, dass die Klinik sie selbst weiter betreut, ohne Entgelt, einfach, weil es etwas einbringt: einen Einblick in die langfristigen Verläufe, den niemand sonst hat.
Was Hemmerich in diesen Verläufen sieht, erschüttert sein statistisches Weltbild. Die mediane Überlebenszeit deckt sich nicht mit dem, was er erwartet. Patientinnen sterben durchschnittlich früher als die Statistik voraussagt. Der Grund: Die Sterberate ist nicht normalverteilt. Sie folgt einem Modell mit "long tail" – einer kleinen Gruppe, die weit über die statistische Erwartung hinaus überlebt. Diese Langzeit-Überlebenden verzerren den Durchschnitt nach oben.
Er beginnt, sich für diese Ausreißer zu interessieren. Ein, zwei, drei Prozent, Menschen, die nach der Statistik längst nicht mehr leben dürften. Er sucht nach Gemeinsamkeiten. Ernährung, Therapien, alternative Behandlungen, religiöse Überzeugungen, sozioökonomischer Status. Alles ist breit gestreut, kein Faktor lässt sich isolieren.
Dann findet er einen, den niemand untersucht hat: „Wenn die Person – die fixierte Persönlichkeit des Krebserkrankten – nicht überlebt, sondern stirbt, dann kamen diese seltsamen, ungewöhnlichen Regressionen zustande." Wichtig: Krebs entsteht nicht aus einer Krebspersönlichkeit, sondern aus der zufälligen Mutation einer Zelle zur Krebszelle, die ihren Apoptose-Prozess abschaltet. Wachstum oder Heilung hingegen sind ein psychoneuroimmunologisches Geschehen.
Nicht der Körper musste sterben, damit der Mensch überlebte. Die *Person* musste sterben – die Abwehrmuster, die reflexartigen konditionierten Reaktivitäten, das, was die Person bisher als *Das ist mein Ich* bezeichnet hatte.
„Das hat eine radikale Wende in mir hervorgerufen."
Der Absprung
Mitte vierzig. Chefarzt einer Frauenklinik. Verheiratet. Vier Kinder. Soziale Reputation. Wirtschaftlich erfolgreich. Und dann kommt die Frage zurück, die er jahrelang seinen Krebspatientinnen gestellt hat: "Wenn du so weitermachst und bei dieser Persönlichkeitsstruktur bleibst – was dann?"
Er steckt in einer Falle. Es ist erkennbar, dass der Staat die DRG (diagnosis related groups) einführen und damit die Medizin entmenschlichen wird, das Klima wird bedrückend, der Spielraum ärztlicher Freiheit schrumpft. Ausstieg erscheint nötig, aber ohne Richtung nicht möglich – niedergelassene Praxis, "Schmerzensgeld verdienen", Lektorat, irgendetwas.
Dann kommt ein Bild. „Ich werde biografisch arbeiten. Wenn die Krebspatienten ihre erste Therapie haben – operiert sind, Chemotherapie, Bestrahlung, was auch immer notwendig war –, dann werde ich vier Wochen lang mit ihnen suchen, wo die Person sterben muss in ihrer Biografie, damit sie mit dem Leben beginnen können."
Eine erstaunlich spezifische Vision begleitet diesen Impuls: ein Ort, wo es im November noch hell ist am Abend, ein ehemaliges Kloster vielleicht, ein Lichtraum für Menschen aus dem deutschsprachigen Raum.
Es kommt anders. Das Kloster wird nie gekauft. Der Fokus weitet sich über Krebspatientinnen hinaus auf biografische und Beziehungskrisen, Dysautonomie-Erkrankungen (Erkrankungen des autonomen Nervensystems), neuroimmunologische Erkrankungen, Depression, Burnout, Traumatransformation. Aber der Kern bleibt: ein Zentrum für die Arbeit, in der der Körper nicht repariert wird (das hat er zuvor erfolgreich getan und überlässt das nun den klinischen Zentren), sondern zusammen mit der Person sich verändern darf. Erst auf Teneriffa, seit 2007. Dann zusätzlich in Alhama de Granada, in Andalusien, seit 2020.
Und tatsächlich: Um 18 Uhr im November ist es dort noch hell.
Salutogenese
Seit dem Jahr 2002 nennt Hemmerich, was er tut, *Salutogenese*. Der Begriff stammt von Aaron Antonovsky und bezeichnet die Erforschung dessen, was Gesundheit entstehen lässt, im Unterschied zur Pathogenese, die fragt, was Krankheit entstehen lässt.
Was Hemmerich daran begeistert ist, ist die Umkehrung der Frage: Nicht "was verursacht Krankheit", sondern "unter welchen Bedingungen kann Gesundheit geschehen". Was er an Antonovskys Begriff weiterdenkt, ist die *Genese*. Das Wort impliziert ein Entstehen, das durch identifizierbare Faktoren – Sense of Coherence, Resilienz, kohärente Lebenserfahrung – aktiv hervorgebracht werden kann.
Für Hemmerich zentral ist nicht das Erwerben von Faktoren. Es ist vor allem die Verschränkung dessen, was ein Mensch ist, mit dem, was er tut. Eine Verschränkung, die einen Atemzug dauern kann oder ein Jahrzehnt. Sie kann nur erzeugt werden, indem man sie zulässt; sie lässt sich niemals erzwingen. Denn das Erzwingen würde eine eigene Voraussetzung zerstören. Wer kongruent sein will, "um etwas dadurch zu erreichen", ist in dem Moment des Wollens nicht mehr kongruent.
Es gibt nichts zu kaufen. Es gibt nur eine Frage, in jedem Moment neu zu stellen: "Fällt das, was ich jetzt tue, mit dem zusammen, was ich bin?" Und die Antwort von gestern zählt für heute nicht.
Dienst am Leben
In den letzten Jahren versteht Hemmerich seine Arbeit zunehmend als einen Dienst am Leben. Das Wort *Dienst* ist nicht sakral gemeint, sondern funktional. Es geht nicht um seine Person und nicht um eine bestimmte Methode. Es geht darum, Widerstände wegzuräumen, damit Leben sich besser verwirklichen kann – in einem einzelnen Menschen, zwischen Menschen, in einer Familie, in einer Gesellschaft.
Was sich verwirklicht, wenn die Widerstände kleiner werden, ist nicht von ihm zu bestimmen. Es ist nicht seine Aufgabe, das Ergebnis vorzuschreiben. Seine Aufgabe ist, den Boden vorzubereiten, in dem das, was lebendig werden will, dies tatsächlich kann. "Save the Biome", in derselben Geste, in der Sadhguru "Save the Soil" sagt.
Das ist das Bleibende durch alle Jahrzehnte hindurch. Ob es Krebspatientinnen waren, denen er den Raum gab, ihre Person sterben zu lassen; ob es Paare sind, denen er hilft, sich nicht mehr zu bekriegen; ob es einzelne Menschen sind, die in einer Depression oder einer Erschöpfung den Vollzug verloren haben, der ihnen ihren Tag wieder zurückgeben würde: Das Thema ist immer dasselbe. Räume schaffen, in denen das Leben einen besseren Halt gewinnt.
Methoden, die aus Not entstanden sind
Mehrere therapeutische Methoden tragen seinen Namen. Was sie verbindet: Keine wurde am Schreibtisch erdacht. Alle entstanden aus beobachteter Not. „Ich habe gemacht. Ich habe beobachtet. Ich habe gesehen, dass es wirkt. Ich habe einen Namen dafür gesucht."
- CardioCeption™ – die Wahrnehmung der eigenen Herztätigkeit als Zugang zur Selbstregulation, nicht ihre Manipulation.
- Anafonesis™ – das Heraufbringen der Stimme aus leidvollem Ausdruck in eine hellere, klingendere Lage.
- Neurogenic Isometrics™ – das Erzeugen isometrischer Spannung und das beschleunigend nachlassende Loslassen, das das Nervensystem in neurogenes Zittern entlassen kann.
- TRIASact™ – eine Integration aus systemischer Aufstellungsarbeit, ACT und der Arbeit am Selbstmodell.
- NeuroCeption CTI™ – das Neurofeedback der eigenen präfrontalen Stoffwechselaktivität.
Die Namen sind Versuche, präzise zu beschreiben, was die Methode tut. Sie sind Formen, in denen ein Mensch sich selbst begegnen kann, wenn er das will. Was darin geschieht, wird nicht gemacht – es wird zugelassen.
Das Tägliche
Seit September 2007 spricht Hemmerich jeden Werktag eine Meditationsanleitung. Ohne einen einzigen ausgefallenen Tag. Ohne eine einzige Anleitung "aus der Bibliothek".
Wenn er sich hinsetzt, weiß er nicht, was kommen wird. Was er beschreibt, ist eine phänomenologische Beobachtung über das Sprechen ohne reflexive Kontrolle: „Diese Instanz, die mich kontrolliert, ist einfach nicht da für diese Dauer." Es ist nicht Channeling, nicht Inspiration, nicht Eingebung – sondern das Aussetzen jener inneren Überprüfung, die normalerweise jeden Satz prüft, bevor er ausgesprochen wird. Was dann gesagt wird, ist nicht "etwas anderes als er"; es ist "er ohne den Filter, der ihn sonst zurechtschneidet".
Einmal kam in dreißig Minuten vor fünfundzwanzig Menschen kein Wort. Es war eine halbe Stunde Stille. Auch das gehört dazu. Wenn nichts aus der Präsenz kommt, kommt nichts. Eine Anleitung aus dem Archiv würde er nicht geben.
Seit vielen Jahren beginnt sein Tag im kalten Bad. Mantra-Arbeit mit den Keimsilben der Chakren, kombiniert mit einem Atemprotokoll, das CO₂-Toleranz und Aufmerksamkeit verbindet. Die Kälte macht Abschweifen schwer. Die Silben sind Resonanzwerkzeuge. Die Praxis ist heilsam, weil sie täglich, lange, ohne Ausnahmen vollzogen wird. Wiederholung ist das, was das Innere ablagert. Was er anderen anbietet, ist das, was er an sich selbst übt — Fri∂hu ist sein eigener erster Schüler.
Annette
Sehr früh am Sonntagmorgen. Einer der beiden wacht auf und sagt etwas, das von gestern noch nicht zu Ende war, oder etwas aus einem Traum. Sagen wir, es ist Annette diesmal. Sie spricht aus, was da ist. Fri∂hu antwortet nicht mit einer Meinung. Er gibt zurück, was bei ihm angekommen ist — nicht das, was sie gesagt hat, sondern das, was er verstanden hat —, und fragt, ob es so stimmt. Sie korrigiert. Er spiegelt erneut. Dann ist er an der Reihe mit dem, was sich beim Zuhören in ihm bewegt hat. Sie spiegelt zurück. Und so weiter.
Eine Stunde später wissen beide mehr von der Sache als zu Beginn. Nicht weil einer den anderen überzeugt hat. Weil zwei Menschen einer Sache so lange nachgegangen sind, bis sie sich von selbst zeigt.
Diese Bewegung ist die Form, in der hier gearbeitet wird. Im Centro Eridanos auf Teneriffa, im Zentrum für Salutogenese in Alhama de Granada, in den Seminaren, in den Paargesprächen, in den Meditationen, die jeden Werktag frisch entstehen. Sie ist gleichzeitig die Form, in der Fri∂hu und Annette seit siebenunddreißig Jahren leben.
Annette und Fri∂hu sind seit siebenunddreißig Jahren zusammen. Vier Kinder sind in dieser Zeit aufgewachsen. Die Form, in der sie miteinander arbeiten, ist die, die im Sonntagmorgen sichtbar wird: gemeinsames Forschen, in dem keiner den anderen überzeugen will. Wer von beiden gerade die Sache sieht, der spricht; der andere spiegelt, fragt nach, lässt sich von dem, was zurückkommt, weiterbringen. Über siebenunddreißig Jahre haben sie dieser Form vertraut, und sie hat ihnen verlässlich beides gegeben — die Klärungen, die sie als Paar gebraucht haben, und das Material, aus dem ihre Arbeit gewachsen ist.
In den Seminaren leitet Annette die Bereiche, in denen die Form des Forschens am dichtesten am Körper geschieht: Neurogenic Isometrics™, Anafonesis™, CardioCeption™. In der täglichen Arbeit beider Zentren auf Teneriffa und in Andalusien arbeitet sie in genau diesen Bereichen weiter. In Paargesprächen, in denen zwei Menschen ihr eigenes Bekriegen verlernen müssen, ist sie seine Partnerin. Es gibt Stellen, an denen Fri∂hu hört, was Annette hört, ohne dass sie es gesagt hätte; und umgekehrt. Das ist nicht Telepathie. Das ist, was nach langer Zeit gemeinsamer Praxis von selbst entsteht.
Was Fri∂hu von Annette gelernt hat — und er sagt das oft —, lässt sich am ehesten so beschreiben: Sie verlangsamt, wo er beschleunigt. Sie hört dort weiter zu, wo er die Sache schon zu fassen meint. Sie hat eine Genauigkeit für das, was zwischen den Worten steht, die in keinem Lehrbuch zu finden ist. Wenn sie etwas spiegelt, hört er an dem, was sie zurückgibt, was er selbst nicht gesehen hatte — und das ist der Moment, in dem die Sache sich öffnet.
Das funktioniert, weil sie sich beide demselben Dritten verpflichtet haben. Nicht einer dem anderen. Beide der Sache, die in ihren Gesprächen aufgeht.
Volles Blühen
Es gibt eine Bewegung in Fri∂hus Leben, die jetzt zu Ende geht — eine, die jahrzehntelang sinnvoll war und es nicht mehr ist. Er hat sich abends gedimmt. Immer Abends und zur Nacht. Mit Genuss. Übermäßigem Genuss. Und das wirkte: Er fühlte sein sich selber Dimmen nicht mehr so schmerzhaft und war am nächsten weniger heftig. Leichter zu ertragen für Umgebung, die seine Intensität ungedämpft als mehr als anstrengend wahrnahm. Das funktionierte. Und es hatte einen Preis, den er erst spät bemerkt hat: Am Morgen danach war scharfe Klarheit von Kognition und Sprache minimal - und doch bemerkbar - beeinträchtigt. Die Gedankenspur einen Hauch verwaschen. Seine Sprache in den Konsonanten eine Spur weniger genau, die Pausen kürzer, die Prägnanz leicht verwischt — und Sprache ist sein Werkzeug. Er hat sein wichtigstes Instrument jeden Abend ein bisschen entstimmt, um am Tag erträglicher zu sein.
Das hat aufgehört. Es ist eher, dass die Frage nicht mehr da war. Eine Lebensphase hat sich geschlossen, in der das Dimmen nötig schien. Was er ist, möchte gerade in voller Tonart laut werden dürfen — neugierig, schnell, mit einer Denkweise und Sprache, die präzise sind, und einer Freude daran, dass das jetzt geht. Es ist die einfachste Bewegung der Welt. Man hört auf, etwas zu tun, das man jahrelang getan hat, und merkt, dass das, was übrig bleibt, leicht ist.
Das Bild dafür ist nicht heroisch. Es ist das Bild einer Blüte im vollen Blühen — nicht, um größer zu werden, sondern um durchlässig zu werden. Was hindurchgeht, ist nicht er, und gleichzeitig ist er es. Mehr Sprache. Mehr Genauigkeit. Mehr Wärme, die nicht zu anzuheizen versucht, sondern leuchtet.
Richtig, stimmig, stimmt
In Fri∂hu | Dr. Hemmerich lebt ein Arzt, der gerne und genau begründet, und ein Mann, der weiß, dass nicht alles, was stimmt, sich vollständig begründen lässt. Beide gehören zusammen. Der Arzt hütet sich davor, etwas zu sagen, was nur stimmig ist; Fri∂hu schützt davor, etwas zu unterschlagen, nur weil es noch nicht evident ist und sich nicht restlos sagen lässt.
Was *stimmt*, ist nicht dasselbe wie was *richtig* ist, und nicht dasselbe wie was *stimmig* ist. Diese drei Worte beschreiben drei verschiedene Wahrheitsebenen, und Fri∂hu macht sie gerne am Bild eines Klaviers deutlich.
*Richtig.* Ein Klavierstimmer kommt mit einem Casio-Stimmgerät zu dir nach Hause und stimmt alle Saiten korrekt nach der Tabelle. Jede Frequenz exakt. Keine Schwebungen mehr. Und das Klavier klingt tot. *Richtig* ist im Kopf zuhause. Es ist die Wahrheit der Tabellen.
*Stimmig.* Ein Peruaner spielt auf demselben Klavier und greift selbst nach dem Stimmschlüssel, hier und dort, bis es nach etwas klingt. Irgendwann klingt das Klavier peruanisch — warm, lebendig, in sich passend. *Stimmig* ist im Bauch zuhause. Es ist die Wahrheit des Gefühls, der eigenen kulturellen Resonanz. Wenn aber jemand auf diesem peruanisch gestimmten Klavier Bach spielen will oder Chopin, kommt das Stück nicht zu sich — es klingt immer noch südamerikanisch.
*Stimmt.* Das Dritte ist weder das eine noch das andere. Es ist die Stelle, an der die Sache als Ganzes lebendig wird — wo nicht die Tabelle und nicht das Bauchgefühl entscheidet, sondern eine Mitte, die irgendwo zwischen Herz und Atmung liegt, im Bereich des Rippenbogens, wo Metabolismus, Sonnengeflecht und Herz zusammenkommen. Wenn etwas dort tatsächlich stimmt, weiß man es, ohne es beweisen zu können — und es ist gleichzeitig nicht beliebig. Es ist das, woran ein erfahrener Operateur, ein erfahrener Musiker, ein erfahrener Therapeut, ein erfahrener Mensch erkennt, ob die Sache, mit der er es zu tun hat, in sich aufgegangen ist.
Wofür Fri∂hu steht
Fri∂hu steht dafür, dass Heilung unter bestimmten Bedingungen geschehen kann — Bedingungen, die niemand garantieren kann, weil sie nicht von außen erzeugbar sind, aber Bedingungen, die mit klarem Verstand und einer Praxis, die geübt sein will, befördert werden können. Was er beschreibt, ist eine Verschränkung dessen, was ein Mensch tut, mit dem, was er ist. Ein Atemzug kann ausreichen. Ein Jahr kann nötig sein. Was zählt, ist das Faktum: dass die beiden Linien, die sonst nebeneinanderher laufen, ineinander greifen.
Er steht für Hypothesen, mit denen ein Mensch selbst leben darf, statt für Lehren, denen er folgen soll. Wer zu ihm kommt, bekommt etwas zum Probieren in die Hand, nicht eine Wahrheit zum Unterschreiben. Das gilt für die Patienten in Teneriffa und Andalusien genauso wie für die Hörer der täglichen Meditation und für die Leser seiner Bücher.
Er steht für eine Form von Meditation, die einen wachen Menschen wacher macht. Die nicht in inneren Bildern versinkt, sondern die Sterblichkeit, die jeden Tag näher rückt, als Material nimmt, mit dem zu rechnen ist. Diese Form ist nicht angenehm im üblichen Sinn — und gerade deshalb hat sie Freude an sich, weil sie nicht beschönigt, was nicht zu beschönigen ist.
Er steht für Evolution gegen das, was geworden ist. Sein eigenes Glück, sagt er, hat damit zu tun, dass er als der, der er gerade wird, einen Schritt vor dem ist, der er gestern war. Das ist keine Selbstoptimierung im westlichen Beschleunigungssinn. Es ist die alte Geste eines Lebens, das sich nicht festsetzt — eine Geste, die im selben Atemzug ernst und leicht sein kann.
Er steht dafür, Räume zu schaffen, in denen Heilung möglich wird. In klar definierten Notlagen — Knochenbruch, geburtshilfliche Notlage, akute Infektion — gehört der Operateur an seinen Platz; Fri∂hu hat sein halbes Berufsleben dort verbracht und weiß, was diese Arbeit kann. In den Bereichen, in denen das, was sich verändern müsste, im Menschen selbst sitzt — in chronischer Erschöpfung, in Depression, in Autoimmunerkrankungen, in dysautonomen Syndromen, in der Lebensphase nach einer Krebsdiagnose —, geht es nicht um Reparatur, sondern um Training: um die Bedingungen, unter denen ein System sich selbst neu organisieren kann, und um die Übung, die jemand mit nach Hause nehmen kann. Die beiden Zentren auf Teneriffa und in Andalusien sind genau dafür gebaut.
Und er steht für eine Form, die jemand selbst vollzieht. Was hier geschieht, ist nicht an Fri∂hus Person gebunden. Es ist nicht charismatisch und es ist nicht magisch. Es ist eine Übung im gemeinsamen Forschen, die jemand mitnehmen und in seinem eigenen Leben fortsetzen kann. Das ist die Pointe: Wer hier weggeht, geht nicht abhängiger weg, sondern mündiger. Der Lehrer, wenn man dieses Wort hier überhaupt verwenden will, hat seine Arbeit getan, wenn er nicht mehr gebraucht wird.
Fri∂hu
Der Name bezeichnet eine Ausrichtung, keine Identität. Was im dreizehnten Lebensjahr begonnen hat, ist nicht abgeschlossen und soll es auch nicht sein. Fri∂hu ist der Modus, in dem Dr. Hemmerich nicht mehr gedimmt arbeitet — neugieriger, schneller, mit der Sprache, die sein Werkzeug ist, und mit der Freude daran, dass die Form, die er gefunden hat, sich auch in anderen Menschen fortsetzen kann.
Was bleibt von einer solchen Biografie? Am liebsten, sagt er, eine Stimme, die jemanden begleitet:
Diese Stimme, die geht jetzt mit dir.
Mehr nicht.
Keine Lehre, keine Methode, die jemand mitschleppt. Eine Form, die er selbst weitertragen kann — am Sonntagmorgen mit seinem Partner, in seiner Arbeit, in den Stunden, in denen ihm das Leben etwas Schweres vor die Füße legt und er nicht weiß, wohin damit. Wenn dann etwas in ihm sagt:
Lass uns dem zusammen nachgehen, bis es sich zeigt — dann hat Fri∂hu getan, wozu er da ist.
Fakten
- Geboren 1954 als Fritz Helmut Becker.
- Studium Humanmedizin und Philosophie in Bochum und Essen. Medizinstudium 1979 an der Medizinischen Fakultät der Universität Essen abgeschlossen. Daneben Studien in Physik, Kunstgeschichte und Philosophie. LISP-, Prolog- und Pascal-Programmierung. Zeichnen und Malen an der Universität Bochum
- Promotion 1988 an der Ruhr-Universität Bochum, Institut für Medizinische Psychologie. Doktorvater: Prof. Dr. Heinrich Viehaus. Dissertation: *Computer und medizinische Problemlösung*. Prädikatspromotion.
- Approbation als Arzt in Deutschland. In Spanien lizenziert als Arzt für Allgemeinmedizin (*Medicina General*).
- Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe (seit 1984). Über zwölftausend begleitete Geburten. Über zehntausend Operationen.
- Klinische Laufbahn Assistenzarzt ab 1979, mit siebenundzwanzig Oberarzt, von 1991 bis 2001 ärztlicher Direktor einer Frauenklinik.
- Salutogenese seit 2002.
- Zentren Centro Eridanos, Teneriffa (seit 2007). Zentrum für Salutogenese, Alhama de Granada, Andalusien (seit 2020).
- Klinische Schwerpunkte Depression, Burnout, biografische und Beziehungskrisen, Traumatransformation, systemische Familientherapie. Ansatz: schulmedizinische Grundlagen verbunden mit Traumatherapie, ACT (Acceptance and Commitment Therapy), Focusing, Hakomi und Somatic Experiencing.
- Eigene Methoden TRIASact™, Neurogenic Isometrics™, Anafonesis™, CardioCeption™, NeuroCeption CTI™.
- AlltagsMeditation Täglicher Meditationsdienst seit 2007 (öffentlich seit 2018). Werktäglich frisch gesprochene Meditationen, ohne Vorbereitung, ohne Archivmaterial.
- Bücher Mehrere veröffentlichte Bücher zu Salutogenese, Traumatherapie, Strukturarbeit und Philosophie, erschienen unter Fri∂hu Media, Imprint des Instituto Sentico SL, Candelaria, Teneriffa
- Vorträge und Seminare in Spanien, der Schweiz und Deutschland.
- Familie Seit siebenunddreißig Jahren mit Annette Hemmerich. Seither: Dr.med. Hemmerich (geb. Becker). Vier Kinder.
- Verlag Fri∂hu Media, Imprint von Instituto Sentico SL, CIF B38984951, Calle Vence, 38540 Candelaria, Provincia Santa Cruz de Tenerife, España.
Verschränkung
Über den Unterschied zwischen Reparatur und Training
Wer mit einem gebrochenen Bein zum Arzt geht, weiß, was er will: repariert werden. Er liegt damit richtig. Wer mit einer chronischen Erschöpfung zum Arzt geht, weiß es ebenfalls — er will dasselbe. Und liegt damit, in den allermeisten Fällen, falsch.
Das ist die Beobachtung, von der ich in dieser Notiz ausgehe. Sie ist nicht polemisch gemeint, und sie ist auch nicht eine Geste gegen die moderne Medizin, die in dem, was sie kann, hervorragend ist. Sie betrifft eine Verwechslung der Klassen. Es gibt eine Klasse von Problemen, in der Reparatur die richtige Form der Hilfe ist — Knochenbrüche, eine eingeklemmte Hernie, ein durchgebrochener Blinddarm, eine geburtshilfliche Notlage, eine bakterielle Pneumonie. In dieser Klasse weiß jemand etwas, was der andere nicht weiß, und er kann an dem anderen etwas tun, das dieser an sich selbst nicht tun kann. Hier ist der Operateur/Reparateur/Mediziningenieur an seinem Platz. Ich habe diese Arbeit ein halbes Berufsleben lang getan und kenne ihren Wert.
Und es gibt eine andere Klasse von Problemen — eine, die statistisch viel häufiger ist —, in der genau dieselbe Form der Hilfe nicht trifft, was sie treffen soll. Eine Depression. Eine chronische Erschöpfung. Eine Autoimmunerkrankung im stabilen Verlauf. Ein Reizdarm. Eine dysautonome Störung. Rückenschmerzen. Bluthochdruck. Hyper-Cholesterinämie/Cortisolämie. Energy Depletion. Die Orientierungphase nach Abschluß von Operation/Bestrahlung/Chemo- und/oder Immuntherapie bei Krebs. Und unzählige andere Symptom-Cluster. In dieser Klasse sitzt das, was sich verändern müsste, im Menschen selbst — in seiner vegetativen Regulation, seinem Selbstmodell, seiner Lebensführung, der Art, in der er Atem holt und sich morgens orientiert. An diesen Stellen kommt der Ingenieur nicht hin. Wer es dennoch versucht, schafft nicht Heilung, sondern Abhängigkeit. Der Patient wird unmündig statt mündig. Er wird repariert in eine Konfiguration hinein, die im Leben nicht trägt.
Ich schätze das Verhältnis zwischen diesen beiden Klassen auf 1 zu 1.000, vielleicht 1 zu 10.000. Auf einen Knochenbruch, der wirklich Reparatur braucht, kommen tausend Erschöpfungen, hundert Depressionen, hundert dysautonome Episoden, die etwas anderes brauchen. Sie brauchen *Training*.
Das ist die Achse, an der entlang ich denke, und sie ist viel grundlegender als die Frage, ob eine bestimmte Methode wirkt oder nicht. Ein Heilangebot lässt sich nicht zuerst nach seiner Wirksamkeit beurteilen, sondern danach, in welcher Klasse es operiert. Wer in der Reparaturklasse arbeitet, wo Training nötig wäre, kann methodisch noch so gut sein — er wird das, was geschehen müsste, nicht erreichen.
Warum die Erwartung an Reparatur so tief sitzt
Wenn ich frage, woher diese Erwartung kommt, finde ich sie schon beim Säugling. Ein neugeborenes Kind kennt nur einen funktionierenden Sinn: den Lebenssinn. Er meldet nicht nuanciert, sondern in zwei Modi — "stimmt" oder "stimmt nicht". Wenn etwas nicht stimmt, schreit das Kind. Wenn jemand kommt, der nonverbal versteht, was nicht stimmt, wird die Sache geregelt. Das Kind erfährt: Ich melde mich, und es kommt Hilfe, die das Problem behebt. Ich werde repariert. Das funktioniert.
Wenn dagegen niemand kommt, der versteht — wenn der Mensch, der kommt, an dem Kind etwas probiert, was nicht trifft, oder wenn er ideologisch festgelegt ist auf eine bestimmte Vorstellung, was Kinder brauchen —, dann schreit das Kind lauter. Irgendwann verändert sich der pH-Wert seines Blutes, es geht in einen Notfallmodus, eine Art Hibernation. Es gibt auf. Es wird still. Und die unerfahrene Umgebung sagt: "Es hat sich beruhigt."
So oder ähnlich sind wir alle auf die Welt gekommen. Wir haben gelernt, in welchen Situationen sich Melden lohnt und in welchen nicht. Und wir haben den Toleranzbereich erweitert — weil wir Energie sparen mussten, weil das Schreien nichts brachte, weil wir uns sozial überprägt haben, *uns nicht so anzustellen*. Aus diesem Lernprozess geht ein Erwachsener hervor, der entweder gar nicht mehr merkt, dass etwas nicht stimmt, bis es richtig dick kommt — oder der bei dem ersten Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt, sofort nach Hilfe ruft, die das Problem für ihn erledigt. In beiden Fällen ist die Bewegung die gleiche: Es muss von außen geregelt werden.
Diese Bewegung ist nicht zu kritisieren. Sie ist die früheste Anpassung, die ein Mensch macht. Sie hat ihn am Leben gehalten. Aber sie passt nicht mehr zur Klasse von Problemen, die im Erwachsenenleben das Übergewicht haben.
Reparatur und Training — die Wegegabelung
Wenn ich Patientinnen und Patienten am ersten Tag bei uns im Zentrum sehe, ist die fast immer erste Frage: "Was machen Sie mit mir?" Manchmal ist sie höflich verkleidet, manchmal direkt. Manchmal kommt sie nicht in Worten, sondern in der Körperhaltung — jemand setzt sich hin und wartet, dass etwas an ihm geschieht. Was er erwartet, ist Reparatur. Eine Methode, eine Intervention, ein Verfahren, das ihn aus dem Zustand bringt, in dem er ist.
Wenn ich ihm sage: *"ch kann nichts mit Ihnen machen, was Sie nicht selbst mit sich machen — ich kann Ihnen nur zeigen, wie es geht", dann ist das die schwierigste Geste in der ganzen Begegnung. Sie wird oft nicht verstanden, manchmal als Ablehnung erlebt, manchmal als Eingeständnis von Unvermögen. Sie ist aber genau das, was die Klasse seines Problems erfordert.
Was ihm angeboten werden kann, ist Training. Eine Anleitung, eine Übung, eine Form, die er wiederholt, bis sie ihn trägt — nicht nur in der Stunde, in der ich daneben sitze, sondern in den hundert Stunden, in denen ich nicht daneben sitze. Mündigwerden ist die Bewegung. Reparieren ist es nicht.
Das ist auch der Punkt, an dem ich auf eine ganze Klasse von therapeutischen Angeboten skeptisch sehe — nicht weil sie schlecht wären, sondern weil sie in der Klasse arbeiten, die nicht trifft. Aurachirurgische Verfahren, schamanische Heilreisen, Aufstellungsarbeit, hypnotherapeutische Sitzungen, energetische Behandlungen jeder Art arbeiten in einem Reparatur-Setting im erweiterten Sinn. Es geschieht etwas mit dem Klienten in einem geschützten Raum. Er sieht etwas, was er sonst nicht sieht; er erlebt eine Verschiebung; er kommt verändert aus der Sitzung. Manche dieser Verfahren sind methodisch sehr entwickelt, etwa die systemische Strukturarbeit nach Mattias Varga von Kibéd und Insa Sparrer — eine grammatisch durchgebaute, logisch sauber gefasste, phänomenologisch strenge Form, die mit "Repräsentanten" als Messinstrumenten in einem sozialen Feld arbeitet. Andere sind methodisch primitiv und ontologisch fragwürdig. Aber sie teilen die Form: Etwas geschieht mit dem Klienten, in einem Setting, das er besucht. Was er nicht mitnimmt, ist eine Übung, die er ohne das Setting weiter vollziehen kann.
Daraus folgt, was die Studienlage zu solchen Verfahren zeigt: Shifts treten ein, oft unmittelbar nach der Sitzung. Nachhaltigkeit über Monate ist gering oder nicht nachweisbar. Das ist nicht ein Methodenmangel. Es ist die Konsequenz der Klasse: Ein Reparatur-Setting kann nicht produzieren, was nur Training produzieren kann.
Was Verschränkung damit zu tun hat
Hier komme ich zu dem Wort, das mich beschäftigt. Ich nenne "Verschränkung" das, was geschieht, wenn ein Mensch in seinem Leben einen Moment hat, an dem sein Tun mit dem, was er ist, zusammenfällt — und zwar so, dass die beiden Linien nicht nur in einer Idee zusammengehen, sondern körperlich, in einer einzigen Bewegung. Atmung, Tonus, Blickrichtung, Aufmerksamkeit ändern sich nicht nacheinander; sie ändern sich als zusammenhängende Veränderung. Es ist kein Symptom-Sprung. Es ist eine kurze Konfiguration, in der das System aufhört, eine Differenz zu sich selbst aufrechtzuerhalten.
Ich verwende das Wort in Anlehnung an die Quantenphysik, aber nicht in ihrem engen Sinn. Was Quantenphysiker mit Verschränkung beschreiben — die Eigenschaft zweier Teilchen, miteinander verbunden zu bleiben, auch über Distanzen, an denen klassische Kausalität nicht mehr greift — ist nicht das, was ich beschreibe. Aber das Wort trifft etwas, was die klassischen biologischen Begriffe nicht treffen: dass zwei Schichten — Wissen und Handeln, Atem und Bedeutung, Körper und Selbstmodell — sich so aufeinander beziehen, dass die eine ohne die andere nicht ist, was sie ist.
Das, was wir Heilung nennen, geschieht, soweit ich es beobachten kann, an Stellen, an denen eine solche Verschränkung sich öffnet oder neu zustande kommt. Sie ist keine Methode, sie ist kein Werkzeug, sie ist auch nichts, das man von außen herstellen könnte. Aber sie hat Bedingungen, an die ich heran kann. Und entscheidend: Sie ist "Vollzug", nicht "Empfang". Sie geschieht nicht an einem Menschen, sondern durch ihn. Wer sie einmal hatte, hat sie nicht für immer. Sie kann am nächsten Atemzug wieder verloren gehen — und am übernächsten wieder zustande kommen.
Das ist die Stelle, an der Reparatur und Training sich auseinanderbewegen. Ein Reparatur-Setting kann einen Moment der Verschränkung im Raum erzeugen, indem es Aufmerksamkeit fokussiert, das System in eine ungewöhnliche Konfiguration bringt, eine Erkenntnis ermöglicht. Was es nicht erzeugen kann, ist die Fähigkeit des Klienten, diesen Moment in seinem eigenen Leben wieder herzustellen. Genau das ist Training: dass jemand lernt, an einer bestimmten Stelle in seinem Körper, an einer bestimmten Stelle in seinem Atem, an einer bestimmten Stelle in seiner Aufmerksamkeit das wiederzufinden, was er einmal im Setting gefunden hat.
Was an Verschränkung biologisch sichtbar ist
An dieser Stelle wäre es nahe, das Phänomen mystisch zu lassen — was es als phänomenologisches Geschehen nicht ist. Es hat biologische Beschreibungsebenen, die sich aufeinander beziehen lassen. Ich nenne sie hier nicht der Ordnung halber, sondern weil mir an jeder von ihnen etwas aufgegangen ist, das die anderen klärt — und weil sie zusammen die Hypothese tragen, dass Training in der Klasse der nicht-reparablen Erkrankungen tatsächlich etwas verändert, was im Körper sichtbar ist.
Thermodynamisch. Erwin Schrödinger hat 1944 in "Was ist Leben?" (einem schmalen Buch, das aus drei Vorträgen in Dublin entstanden ist) eine Beobachtung formuliert, die mich seit dem Studium begleitet. Lebendige Organismen, sagt er, erhalten sich in ihrer Form dadurch, dass sie sich von negativer Entropie ernähren — einem Begriff, den später Léon Brillouin (französischer Physiker, ebenfalls am MIT) zu Negentropie verkürzte. Was das heißt: Während die unbelebte Welt im statistischen Mittel auf das thermodynamische Gleichgewicht zusteuert, ist das Lebendige genau jene lokale Konfiguration, die das nicht tut. Es importiert Ordnung aus der Umgebung, exportiert Unordnung, hält sich asymmetrisch zu seiner Umwelt. Die Aufrechterhaltung dieser Asymmetrie ist nicht ein ruhiger Zustand, sondern ein beständiger Akt. Ein Mensch, der in jeder Geste anders handelt, als er weiß, dass er ist, vermindert seine eigene negentropische Differenz. Er gleitet auf die Symmetrie zur Umgebung zu, in jeder Stunde ein wenig mehr. Verschränkung ist die phänomenologische Beschreibung jenes Aktes, durch den ein System gerade seine eigene Form gegen die Umgebung behauptet — und der trainierbar ist, weil er aus wiederholten Vollzügen besteht, nicht aus Erkenntnis.
Predictive-coding. Karl Friston, britischer Neurowissenschaftler am University College London, hat seit etwa 2005 das "Free Energy Principle" formuliert — ein mathematisch ausbuchstabiertes Modell, in dem lebendige Systeme als Konfigurationen beschrieben werden, die die freie Energie ihrer eigenen Sinnesdaten minimieren. Das geschieht durch beständige Reduktion des Vorhersagefehlers zwischen dem internen Modell des Systems und den eingehenden Signalen. Der Begriff, der das System als System konstituiert, ist der Markov-Blanket: eine formale Grenze, die innere und äußere Zustände voneinander trennt und gleichzeitig miteinander koppelt. Ein chronischer Vorhersagefehler über die eigene Person — ein Selbstmodell, das mit dem tatsächlichen Handeln nicht zusammenfällt — ist in diesem Rahmen eine Konfiguration mit erhöhter freier Energie. Das System ist nicht in Ruhe; es ist in einem Zustand, der dauerhaft auf Korrektur drängt. Verschränkung ist die Reduktion dieses Drucks. Sein Modell stimmt mit seinem Handeln überein — nicht weil das Modell verbessert wurde, sondern weil das Handeln dem Modell entspricht oder umgekehrt. Beides ist Training, beides ist Vollzug.
Autonom-vegetativ. Die Heart Rate Variability — das Schwanken der Abstände zwischen einzelnen Herzschlägen, abkürzbar HRV — ist seit den Arbeiten von Stephen Porges und vielen anderen ein gut beforschter Marker für die Flexibilität des autonomen Nervensystems. Eine hohe HRV korreliert mit Resilienz, Heilungsprozessen, Immunfunktion und kognitiver Flexibilität. Was ich an Patienten mit chronischer Inkongruenz zwischen Wissen und Handeln sehe, ist eine reduzierte HRV — nicht als direktes Symptom, sondern indirekt über die anhaltende vegetative Spannung, die ein nicht-eingestandener Konflikt erzeugt. Wenn Training greift, lässt das vegetative System los; die HRV steigt. Das messen wir bei uns im Zentrum routinemäßig. Wichtig: der Einzelwert beweist nichts, weil HRV von vielen Faktoren abhängt. Aber im Verlauf, über Wochen, ist es eine der zuverlässigsten Beobachtungen, die ich kenne.
Endokrin. Die HPA-Achse — die Verbindung zwischen Hypothalamus, Hirnanhangsdrüse und Nebennierenrinde, die das Stresshormon Cortisol reguliert — reagiert nicht auf objektive Belastung, sondern auf die Interpretation der Belastung durch das Selbstmodell. Eine Belastung, die ich als zu meinem eigenen Wollen gehörig erlebe, hat ein anderes Cortisol-Profil als eine Belastung gleicher objektiver Intensität, die ich als nicht eigen erlebe. Johannes Siegrist (Düsseldorfer Medizinsoziologe) hat das in den 1990er Jahren als "effort-reward imbalance" beschrieben; Bruce McEwen (Rockefeller University, einer der wichtigsten Stressforscher des 20. Jahrhunderts) hat den Begriff der allostatischen Last eingeführt — der biologischen Abnutzung, die durch chronische Anpassung an unaufgelöste Belastung entsteht. Beide beschreiben dasselbe Phänomen: dass nicht die Belastung an sich biologisch teuer ist, sondern die Belastung, die als nicht zu meinem Leben gehörig erlebt wird. Verschränkung verändert die endokrine Signatur. Was vorher Stress war, ist jetzt Anstrengung — und Anstrengung kostet anders als Stress.
Immunologisch. Aaron Antonovsky, ein in den USA geborener und in Israel arbeitender Medizinsoziologe, hat in den 1970er und 1980er Jahren den Begriff der Salutogenese geprägt und mit dem "Sense of Coherence" eine messbare Disposition beschrieben. In mehreren Kohortenstudien zeigt sich, dass ein hoher Sense of Coherence mit reduzierter Gesamtmortalität korreliert — etwa in der EPIC-Norfolk-Studie (Surtees u. a., 2006, fast 20.000 Erwachsene). Bei Brustkrebspatientinnen hat Karin Sandelin am Karolinska-Institut 2018 SOC als unabhängigen Prädiktor des Überlebens identifiziert. Eine wichtige Einschränkung gehört dazu: Dieselbe Forschung zeigt, dass SOC nicht mit der Inzidenz von Krebs zusammenhängt — die Karolinska-Mammographie-Kohorte mit über 46.000 Frauen hat das gut belegt. Krebs entsteht durch zufällige Mutation einer Zelle, nicht durch ein verfehltes Lebensmodell. Aber der Verlauf, in dem das Immunsystem über das weitere Geschehen mitentscheidet, ist psychoneuroimmunologisch moduliert in einer Größenordnung, die statistisch moderat, aber reproduzierbar ist. Was ich daraus für die Arbeit nehme, ist sehr nüchtern. Verschränkung wirkt nicht auf das Entstehen von Krankheit. Sie wirkt auf den Verlauf — und sie wirkt nicht als Heilmittel, sondern als Bedingung, unter der Heilung möglicher wird, wenn die anderen Bedingungen stimmen.
Die fünf Ebenen ergeben kein einheitliches Bild. Sie haben verschiedene Granularität, verschiedene methodische Strenge, verschiedene Reichweite. Aber sie konvergieren in einer plausiblen Beschreibung dessen, was Training in der Klasse der nicht-reparablen Erkrankungen tatsächlich biologisch tut. Es ist nicht Suggestion. Es ist nicht Placebo. Es ist die wiederholte Vollzug-Konfiguration, in der weniger Energie in die Aufrechterhaltung von Diskrepanzen gebunden ist und mehr Energie für lebendige Selbstorganisation verfügbar bleibt.
Die Stelle, an der trainiert werden kann
Bis hierher war der Text Reflexion. Damit er nicht das wird, was er beschreibt — etwas, das jemand liest und damit nach Hause geht, ohne dass es ihn etwas angeht —, schreibe ich die letzten Sätze für einen Vollzug, nicht für eine Erkenntnis.
Wer Verschränkung trainieren will, kann an einer sehr konkreten Stelle anfangen. An der Brustbeinspitze, knapp unterhalb des Rippenbogens. Dort, wo Herz, Zwerchfell und die Bauchorgane sich begegnen. Dort, wo es bei vielen Menschen entweder nervös tuckert oder drückt oder sich leer anfühlt oder verkrampft. Wer seine Aufmerksamkeit dorthin lenkt — nicht zur Nase, nicht in eine Vorstellung —, kann beobachten, was geschieht, wenn er etwas länger ausatmet als einatmet und am Ende des Ausatmens noch ein wenig ausgeatmet bleibt. Nur das.
Es ist nicht eine Atemtechnik unter vielen. Es ist die Stelle, an der die aufsteigende Lebensenergie vom Beckenboden tatsächlich nach oben kommen kann oder eben nicht. Wer dort übt — vierzig Tage, bevor er anfängt zu urteilen, ein Dreivierteljahr, bis es sitzt —, übt nicht eine Technik. Er übt das, was in der Reflexion der fünf Ebenen weiter oben in fachlicher Sprache umkreist wurde: einen Ort, an dem Verschränkung im eigenen Körper möglich wird, in jedem Moment neu.
Was am Ende übrigbleibt
An dieser Stelle wäre es nahe, einen Satz zu schreiben, der nicht zu schreiben ist: *Also kann man Verschränkung anstreben, um gesünder zu werden.* Genau das geht nicht. Wer kongruent sein will, *um etwas anderes zu erreichen* — Gesundheit, Überleben, Anerkennung —, ist in dem Moment des Wollens schon nicht mehr kongruent. Sein Tun dient einem Zweck, der außerhalb seiner selbst liegt. Die Anstrengung der Kongruenz wird zur Inkongruenz, weil sie eine Erwartung enthält, die ihre eigene Voraussetzung zerstört.
Das ist nicht eine pädagogische Schwierigkeit. Es ist die Form der Sache. Verwandte Beobachtungen gibt es in Traditionen, die das Problem unabhängig voneinander erkannt haben — im Zen, dass die Suche nach der Erleuchtung deren Hindernis ist; bei Meister Eckhart die Aussage, dass Gott nur dem zugänglich ist, der nicht nach ihm sucht. Sie alle umkreisen denselben Punkt: Es gibt Phänomene, die in der Mittel-Zweck-Relation nicht erscheinen können, weil ihr Erscheinen die Aufgabe dieser Relation ist.
Was bleibt, ist eine Geste, die viel schlichter ist, als das ganze begriffliche Gerüst, das ich hier ausgebreitet habe. An einer bestimmten Stelle im Körper, an einem bestimmten Punkt im Atem, übe ich — jeden Tag, viele Male am Tag, ohne Erwartung an ein Ergebnis. Was sich daraus entwickelt, entwickelt sich. Was sich nicht entwickelt, entwickelt sich nicht. Ich werde mündig. Ich werde nicht repariert.
Das ist der Unterschied. Er klingt klein. Er entscheidet alles.
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Quellen
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